Acht Wochen waren vergangen. Der Reichstag war längst eröffnet. Der deutschnationale Abgeordnete Schwatzler heimste seine ersten Lorbeeren als schlagfertiger, in allen Sätteln gerechter Redner ein. Da wurde eines Frühmorgens unter der Thür der Simmelschen Kammer von unbekannter Hand ein Zeitungsfetzen hineingeschoben. Unter den »Parlamentarischen Nachrichten« war eine Notiz mit dickem, hämischem Tintenstrich ausgezeichnet.

»Wie wir hören, wird die Wahl des Reichstags-Abgeordneten Schwatzler, der bekanntlich seiner Zeit mit einer Stimme Majorität siegte, nachträglich von der Wahlprüfungs-Kommission beanstandet. Es handelt sich um die Stimme eines Arbeiters Namens Simmel, zu

, die seitens eines Vorstandsmitgliedes der deutschnationalen Partei zu Gunsten des Obengenannten für 1 M. gekauft worden sein soll. Eine Untersuchung ist im Gang; wir werden interessante Dinge zu hören bekommen.«

Der Teufel ist also wieder los! Gottlieb Simmel bebte vor Wut und Schreck. Es ist das Verhängnis dieser Stimme, das hinter ihm herhetzt. Das da draußen auf der Chaussee war nur eine kurze Gnadenfrist. Er weiß, das Verhängnis wird ihn in einen Abgrund hineinhetzen ...

Er wankte also, ganz verstört in seinen Sinnen, zur Arbeit auf die Chaussee hinaus. »Es giebt keinen Paragraphen für Sie!« Das gellte ihm stundenlang im Ohr. Das ist so gut als: er hat kein Recht zu atmen und zu leben!

Gegen Mittag fand sich der taube Chaussee-Aufseher ein. »Simmel,« ruft er überlaut, obgleich er zu flüstern wähnt, »Simmel, es thut mir leid, aber ich muß Ihnen kündigen« —

Das übrige hört der Simmel nicht mehr. Es tanzt ihm vor den Augen. Mechanisch hackt er noch eine Weile in dem harten Straßenkot. »Kein Paragraph — kein Paragraph!« immer lauter, immer unheimlicher surren und schwirren ihm die Worte im Ohr. Mechanisch setzt er die Beine und schlenkert die Chaussee entlang nach Haus.

Unweit des Städtchens war eine kleine Baumpflanzung, die jetzt im herrlichen Smaragd des jungen Frühlings prangte.

Simmel bog vom Wege ab, nach der Pflanzung hin. Seine stieren, wie betrunkenen Blicke flogen an den Ästen der Bäume empor, als wenn er da droben etwas suchte, das für ihn paßte. Endlich hatte er es gefunden. —