Nun sitze ich hier auf der Terrasse eines weißgetünchten kleinen Hotels, die großen Glasflügel sind geöffnet, und die mittägliche Sonne überflutet uns.
Müßige, lustfrönende Leute sonnen sich in dem geöffneten Glaskäfig, ältere Leute dösen wach nach dem schmackhaften Essen, unter der Last der glutenden Strahlen röten sich urlaubfreie jüngere, im Scheine dunklen Weines hockend, an silbrig gleißenden weißen Tischen keuchen Neuvermählte, sie betrachten den Sonnenglast, und ihr angespannt offenes Auge lodert — wenn sich ihre Blicke treffen — wie über Schneebergen der Sonnenstrahl.
Um mich herum Wachen; regungslose Stille.
Kein Ton tönt, kein Wort schwatzt, unter sich aneinander erfreuenden Menschenpaaren leben wir abgeschieden, ich und der Sonnenglast.
Vor meinem rastenden Auge steht die gleichmäßige, sonnenumspielte Üppigkeit, mit ihrem flutenden Gold die blaue Luft erfüllend, in dunklem Gestrüpp grüner Bäume glühen Orangen, auf dem staubigen Hof löst ein schlafender weißer Hund sich auf, und über allem steht und brennt das unberührte Sonnenlicht.
Blendendes Funkeln umarmt mich und wäscht meine Augen; der Strahl, der ihnen entirrt, wer weiß, ob er noch mir gehört, oder bereits vom güldenden Grau aufgesogen ist? In den fernen Tälern prunkender Unendlichkeit schaudert das Leben, zuckende Streifen, kämmige Flämmchen, gebrochene Feuerbilder steigen aus den Sonnenstrahlen empor, und in der tödlichen Stille, in der Muße des Friedens beginnt das gleißende Lichtmeer sein Spiel.
Weiter draußen gerät die glatte Weite in Bewegung, die Strahlenwiese entflammt, versinkt zerstückt, und aus dem Glanzwirbel lodert zuweilen eine fransengesichtige Flammenschlange auf ... taucht dann wieder unter; aus der verzehrenden Tiefe rollen in keuchendem Wetteifern andere Schlangen ihre Feuerköpfe in die Höhe, zucken im mittäglichen Strahlen, schwanken und verschwinden mit schlankem Hüpfen in den Lichtlabyrinthen. Glanzdelphine spielen ... über ihnen und um sie herum zittern die Sonnenstrahlmyriaden, Blendung glüht, Helle zuckt, Goldgarben lösen sich, ähnlich dem Haar der begehrten Frau. Sonnenstrahlfäden laufen zusammen, trennen sich, sterben verflochten ineinander, fliegen dann abermals aus dem Flammenbecken auf, es tollt das Sonnenlichtdickicht mit wechselnder Eile. Sonnenstrahllegionen zischen, und ich bin mit vergessendem Staunen abermals ein Kind, höre das Einstürzen des Damms, wie damals, da wir daheim in einer furchtbaren Nacht das große Wasser erwartet .... Verflossener Zeiten Brausen umrauscht und umraunt meine blinden Ohren, und es tost das Wasser über den Erdwällen der Insel; das Sonnenlicht schaukelt, lauscht still wie der kleine Hain, in dem ich einst mit dem unwissenden Mädchen saß; über uns gilbten in der Augustdämmerung späte Akazienblüten, der kleine Hain bebte raunend, und das unwissende Mädchen blies mir aus geweiteten Nüstern Glut entgegen ....
Unter jedermanns Herzen wacht eine alte Traurigkeit, ein vergessener Traum, die fahlgewordene Freude. Wohin führt uns das entflammte Auge, wenn wir Töne entschlummerter Gesänge hören?
In umgürtender Linie stoßen einander die großen Berge, hier und dort hat einer seine Höhe zum Gipfel aufgeworfen, auf düsterer Schneeberge Haupt strahlt der blaue Himmel, Schnee und Eis blinken hart im Sonnenglast; blitzende Gletscher stehen und warten in der stummen Helle. Es flammt die Sonnenkugel auf den Gipfeln der Schneeberge, rollt mit ihren Lichtspeichen durch blaue Täler, durch weiße Schluchten, reißt Schleusen der Strahlen zu meerartigem Gischt auf und bringt mit seiner Zauberberührung die auf den Kuppen der Gletscher erstarrten Eisglocken zum Tönen. Jungfräulicher Gesang sickert von den Gefilden der Weiße herüber ... läßt dein müdes Herz mit Freude erbeben, umarmt den schlaffen Daumen mit Ermunterung. In deinem gebrochenen Auge blüht Andacht auf, und wir spielen im Zelt der Einsamkeit mit der nicht kommenden Liebe, mit schwerem Alpdrücken: begeistert ein Aberglaube oder Gott sich über uns? vermöchte ein heißer Atem des Weltgeheimnisses die jahrtausendealten Eisfelsen zu schmelzen? woher kommt der Weg, der aus dem Schoß der Zeit in den Schoß meiner Mutter geführt? Im strahlenden All summen die Eisriesen, eine ungeheuere Hand träumt auf der Angstorgel: Töne, dahinfließend wie das Quellen von Liebespaaren, hüllen unser bebendes Herz ein; zerren meinen zitternden Körper wach, besinnungraubend, wie die Augenblicke des Taumels in der Minute des Lebensabschieds.
Es seufzt, singt das werdende Tongesumme, noch breiten sich fransige Melodienebel um unser Herz, doch meine verlassene Körperlichkeit bebt, fühlt um sich herum bereits beklommen, ringend anderer Leute Lebensnervosität, und mein besonnter Blick gleitet auf die Bewohner des verandaartigen Käfigs hinab; das krinolinetragende, runzlige Tantchen blinzelt mit den Augen, streift den Seidenrock gerad und lacht lächelnd, neben ihm trommelt das Männlein im Jägeranzug mit seinen rundlichen Fingern, trommelt unentwegt und lacht gierig; die tauigen Jungen, Hand in Hand, wie die Keilhaue vereinigt, lächeln gekitzelt, und ihnen gegenüber sitzt an einem verwaisten Tisch ein buckliger Mann, bewegt sich steif und lacht, lacht, lacht. Vor meinen verwirrten Augen flimmern Regenbogen, flattern auf die gekrümmten Ohren des Buckligen, laufen über sein knochiges, sommersprossiges, großes Gesicht, tollen auf seinem lachenden verbitterten Mund; auf den glänzenden Bäuchen und spitzen Lippen der Weinflaschen zechen Sonnenstrahlrosen, auf dem ovalen weißen Bart des kleinen Mannes im Jägeranzug tändeln Sonnenstrahlen, schaukeln auf seinem seligen roten Antlitz, und Sonnenstrahlen hüpfen auf seinem runden, grünen Hut, auf dem Stiel der Fasanfeder; mit törichtem Raten flüstert jemand um mich: