„Dies ist Stüssi, der Flurschütz ...“
„Stüssi, der Flurschütz ...“
hat vielleicht das krinolinetragende Tantchen etwas gesagt? jetzt bewegt sich der spöttelnde Mund des Buckligen: entpurzeln ihm Worte? alle, die hier auf der Veranda des Lichtes sitzen, verstehen einander, schütteln sich plötzlich vor Lachen. Ihre Blicke begegnen einander mit solidarischer Botschaft,
und ich muß fremd außerhalb ihrer Gemeinschaft bleiben?
hat vielleicht der Alpenjäger etwas Wild-drolliges gebrummt? haben vielleicht die Jungen etwas von ihrer ungelenken Freude verraten? die Lippen bewegen sich, die Augen verschrumpfen in des Lachens grauen Ringen;
ich hülle mich in die verwachsenen Kleider der Scham und der Verteidigung, verzerre die Linien des Lächelns und schleudere mein verschrecktes Gesicht vor die Menschen hin ...
Hier gebe ich es, gebe es euch; der müde Zickzack belebt meine gesprungenen Lippen, grinst stutzend (wie in trostlosen Häusern das Lächeln armer Leute, deren letzter Gedanke es ist, daß ihnen der liebe Herrgott aus dem hängenden Kopf den Verstand gesogen), zeigt sich duckmäuserisch, auf daß ihr mir glaubet, um meine Schande nicht wisset und mich (den die Larve des Lächelns verbirgt) in meiner verfolgten Einsamkeit in Ruhe lasset.
Die Larve des Lächelns verbirgt mich ... über kecke, lebensstolze Menschen flutet Sonnenschein dahin, auf meine verschreckten Augen wirft die Gnade ihr Strahlenband und jagt mit meinem vergessenden Blick in ungestümer Hast auf die Gefilde des Gefunkels; mit Flehen, in dem das Herz der Traurigkeit pocht, taste ich nach meinen zerzausten Gesängen ... Lichtgarben lohen im Glast wie Glockenzungen auf, und die in Licht getauchten Glocken ertönen, wie einst allabendlich daheim zur Litanei des weißen Primas. Ich stand auf der Schloßtreppe, alle Sonnenblumen wandten ihre Gesichter in diese Richtung, die pausbäckige Sonne ließ den abendlichen Himmel erröten, unten schwitzte die Insel zwischen Smaragdgräsern, und im breiten Tal der Donau hub das Glockenspiel an; schlanke, bäuchige Glocken tönten durcheinander, der weiße Primas begab sich mit Kardinalsschritten zum Gebet.
Mein bezaubertes Auge betrachtet den bestürmten Sonnenglast ... ein dahingleitender großer Pfau hebt seine seltsamen Flügel, und alles spiegelt sich bis zur opalenen Gemarkung darin. Wie schön ist dieses Glockenspiel, wie müder Atem schwingt zitternd das leise Summen der Marktkirche her, sorglos, wie frischer Kindermund, singt vom Kalvarienberg die kleine Glocke der Rosalienkapelle, die traurigen Glockentöne der Franziskaner schlängeln sich dick herüber, und ihre abgestumpften Fransen flattern hier unter der Schanze. Das Läuten der Klosterkirche seufzt, ähnlich dem Flüstern vertrockneter Nonnen, wenn sie der flammäugige Domherr zur Beichte besucht; tiefergriffene, hocherfreute Töne singen schwirrend, schwimmen aus der Weite herbei; aus dem Tal langt leise ein ohnmächtiger Arm empor. In die harfenbeschwingte Stille klingt, tönt, dröhnt die große Glocke der Basilika. Wie ein stürmender Samum, so erfaßt der aufgepeitschte Ton-Orkan meinen Körper, und ich spähe zusammengekauert vom Chor der Basilika in schüttelnder Hitze. Unten, auf dem Goldthron wird der kleine Primas beweihräuchert, über meinem benommenen kleinen Kopf rauschen die Tore der Orgel auf, Stimmen blasser, bärtiger Männer tönen erzlos, auf reinen Lippen bleicher Mädchen dösen lateinische Lamentationen. Von der strahlenden Höhe der Kuppel schaut St. Hieronymus, ein großes Buch in den vom Mantel verhüllten Armen, aus der Weihrauchwolke mit düsteren Augen auf mich nieder ... auch ich war einst im Chor, auch ich sang an Feiertagsabenden im Gotteshaus; in den schattigen Bänken gerieten die alten Juden in Bewegung, schoben die Gebetbücher mit schwacher Hand beiseite, hoben ihre zitternden weißen Köpfe zur Umfriedung empor, mein erschrockenes Kinderherz pochte mächtig und blieb in der Stille stehn, triumphierend allein, und ich entließ das Lied auf seinen Weg:
„Mi adir ...“