(Proserpina.) Wie ich? Bitte, ich weiß nicht recht, wollen Sie damit mir oder sich schmeicheln? (Sie wendet sich ab, um zur Schreibmaschine zurückzugeben.)
(Marchbanks tritt ihr geheimnisvoll in den Weg:) Still! Ich bin auf der Suche nach Liebe, und ich finde sie in unermeßlichen Schätzen in den Herzen anderer aufgespeichert. Aber ich wage es nicht, darum zu bitten,—eine fürchterliche Schüchternheit schnürt mir die Kehle zu, und ich stehe da, stumm, ärger als stumm, und rede sinnloses Zeug und stammle törichte Lügen. Und ich sehe die Liebe, nach der ich verschmachte, an Katzen und Hunde und verhätschelte Vögel vergeudet, weil die kommen und darum bitten. (Beinahe flüsternd:) Man muß Liebe verlangen,—sie ist wie ein Geist, sie kann nicht sprechen, bevor nicht zu ihr gesprochen wird. (Mit seiner gewohnten Stimme, aber mit tiefer Melancholie:) Alle Liebe in der Welt ringt nach Worten, aber sie wagt es nicht, zu sprechen, weil sie zu schüchtern ist, zu schüchtern, zu schüchtern! Das ist die Tragik des Lebens! (Mit einem tiefen Seufzer setzt er sieb in den Besuchsstuhl und vergräbt sein Gesicht in den Händen.)
(Proserpina verwundert, aber ohne ihren gesunden Menschenverstand zu verlieren,—ein Ehrenpunkt für sie im Verkehr mit fremden jungen Männern:) Es gibt aber schlechte Menschen, die diese Schüchternheit gelegentlich überwinden, nicht wahr?
(Marchbanks fährt beinahe wütend auf:) Schlechte Menschen! Das heißt Menschen, die ohne Liebe sind, deshalb sind sie auch ohne Scham! Sie haben den Mut, Liebe zu verlangen, weil sie keine brauchen; sie haben den Mut, sie anzubieten, weil sie keine zu geben haben! (Er sinkt in seinen Stuhl und fügt traurig hinzu:) Aber wir, die wir Liebe haben und danach brennen, sie mit anderen auszutauschen, wir können kein Wort über die Lippen bringen. (Schüchtern:) Finden Sie das nicht auch?
(Proserpina.) Nehmen Sie sich in acht. Wenn Sie nicht aufhören, so zu reden, werde ich das Zimmer verlassen, Herr Marchbanks. Ich tue es wirklich! Das gehört sich nicht. (Sie nimmt ihren Sitz vor der Schreibmaschine wieder ein, öffnet das blaue Buch und macht sich bereit, daraus etwas zu kopieren.)
(Marchbanks hilflos:) Nichts gehört sich, was wert ist, daß man darüber spricht! (Er erhebt sich und wandert verloren im Zimmer umher: ) Ich kann Sie nicht begreifen, Fräulein Garnett. Worüber soll ich denn sprechen?
(Proserpina fertigt ihn kurz ab:) Sprechen Sie über gleichgültige
Dinge. Sprechen Sie über das Wetter.
(Marchbanks.) Würden Sie es ertragen, über gleichgültige Dinge zu sprechen, wenn ein Kind neben Ihnen stünde, das vor Hunger bitterlich weinte?
(Proserpina.) Vermutlich nicht.
(Marchbanks.) Nun, ich kann auch nicht über gleichgültige Dinge sprechen, während mein Herz in seinem Hunger bitterlich weint.