„Ja, mein Herr,“ flüsterte sie.

Ein peinliches Krampfgefühl legte sich auf seine Brust, er wurde bleich und blieb mit der Hand an dem Türgriff stehen.

„Haben Sie keine Furcht, Herr,“ sagte die Frau mit ermutigendem Lächeln. „Sie sieht ganz schön aus.“

Er sah sie mit einem seltsamen Grinsen an, als ob sie einen grausigen, aber unwiderstehlichen Witz gemacht hätte. Er ging hinein, und als er das Bett erreichte, wünschte er, er wäre draußen geblieben. Er gehörte nicht zu denen, die wenig auf den Gesichtern der Lebenden sehen und wenig auf denen der Toten vermissen. Die Art, wie man ihr Haar auf das Kissen gelegt hatte, der angenehme Faltenwurf und die Blumen, die die Wärterin angebracht hatte, um den künstlerischen Eindruck zu vervollständigen, auf den sie so vertrauensvoll hingewiesen hatte, alles das war für ihn verloren. Er sah nur die leblose Maske, die das Gesicht seines Weibes gewesen war, und bei diesem Anblick versagten ihm die Knie, und er mußte sich an der Querstange, die am Fußende des Bettes war, festhalten.

Als er wieder aufblickte, schien das Gesicht sich verändert zu haben. Es war keine wachsartige Maske mehr, sondern Henrietta selbst, mädchenhaft und in ausdrucksvoller Ruhe. Der Tod schien ihre Verheiratung und alles Frauenhafte ausgelöscht zu haben, nie war sie ihm so jung erschienen. Eine Minute verging, und dann fiel eine Träne auf die Bettdecke. Er fuhr auf, ließ noch eine Träne auf seine Hand fallen und starrte sie ungläubig an.

„Das ist ein Schwindel, den ich mir nie geträumt hätte,“ sagte er. „Tränen und doch kein Kummer. Hier steh ich und weine! Ich werde immer sentimentaler! Und dabei bin ich froh, daß sie gegangen ist und mich freigemacht hat. Irgendwo steckt in mir das Triebwerk der Trauer. Bei ihrem Anblick beginnt es sich zu drehen, obgleich ich keinen Schmerz empfinde, grade so, wie sie das Getriebe der Leidenschaft in Bewegung setzte, wenn ich keine Liebe hatte. Aber das machte für sie keinen Unterschied. Wenn die Räder herumgingen, war sie zufrieden. Ich hoffe, das Getriebe des Kummers wird ebenso schnell nachlassen und stillstehen, wie es das andere Getriebe tat. Ich glaube, es steht schon still. Welch ein Unsinn! Solange es sich drehte, glaubte ich, ich sei betrübt. Und doch, würde ich sie wohl wieder zum Leben erwecken, wenn ich es könnte? Vielleicht, und darum bin ich dankbar, daß ich es nicht kann.“ Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf das Fußende des Bettes und redete ernst auf die tote Figur ein. Sie beeinflußte ihn noch immer so stark, daß er all seinen Willen zusammennehmen mußte, um ihr mit Gemütsruhe ins Gesicht zu sehen. „Wenn du mich wirklich liebtest, ist es gut für dich, daß du tot bist — wie konnte ich Idiot auch glauben, die Leidenschaft, die du armes Kind mir einflößtest, würde von Dauer sein. Jetzt sind wir beide glücklich. Ich habe mich von dir freigemacht, und du hast dich von dir selbst befreit.“

Er atmete jetzt freier und sah sich das Zimmer an, um sich durch eine gleichgültige Handlung und den alltäglichen Anblick der Schlafzimmereinrichtung in eine nüchterne Stimmung zu bringen. Er trat an das Kissen und neigte sich darüber, um das Gesicht genau zu betrachten.

„Armes Kind!“ sagte er noch einmal in zärtlichem Tone. Dann redete er sich mit plötzlichem Stimmungswechsel statt seines Weibes selber an. „Armer Esel! Armer Idiot! Armer Affe! Hier liegt der Körper eines Weibes, das fast so alt war wie ich selbst und vielleicht vernünftiger, und ich stelle moralische Betrachtungen darüber an, als sei ich Gott der Allmächtige und sie ein kleines Kind! Je mehr man einen Mann daran erinnert, was er ist, desto eingebildeter wird er. Scheußlich! Ich werde mich sogleich für unsterblich halten.“

Mit einem schwachen Versuch, roh zu sein, berührte er ihre Wange und fühlte, wie kalt sie war. Dann berührte er seine eigene und sagte:

„Auch ich fliege auf dieses Ziel hin mit der reißenden Geschwindigkeit von sechzig Minuten in der Stunde.“ Er stand da, die Augen auf ihr Gesicht gerichtet, und genoß lange Zeit die Bitterkeit seiner düsteren Betrachtung. Endlich ermannte er sich und sagte etwas heiterer: