„Keine Spur davon.“ sagte Trefusis. „Nie hat es auf einem Fahrwege solch einen Einschnitt gegeben. Es scheint ein sehr schlecht geratener Brombeerstrauch zu sein, aber Brombeersträuche wachsen nicht mitten auf dem Wege, besonders auf so belebten, wie der nach den ausgefahrenen Geleisen zu sein scheint.“ Er legte die Radierung fort und schien keine Lust mehr zu haben, noch einmal in die Mappe hineinzusehen. Dann sagte er: „Die einzige Kunst, die mich interessiert, ist das Photographieren.“
Erskine und Sir Charles wechselten wieder Blicke, und Erskine sagte:
„Photographieren ist nach meiner Ansicht keine Kunst, es ist ein Verfahren.“
„Und ein viel angenehmeres und vollkommeneres Verfahren als dieses.“ sagte Trefusis und wies auf die Radierungen. „Die Künstler kleben nur deshalb an dem alten, barbarischen, schwierigen und unvollkommenen Verfahren des Radierens oder Porträtmalens, um den Monopolwert der dazu erforderlichen Geschicklichkeit hochzuhalten. Die neue, viel kompliziertere und vollkommenere und doch so einfache und schöne Methode des Photographierens haben sie Geschäftsleuten überlassen. Sie rümpfen öffentlich die Nase darüber und nehmen heimlich ihre Zuflucht zu ihr. Schließlich werden die Photographen bessere Künstler als sie selbst, und das ist auch ganz natürlich. Denn wo wie beim Photographieren das Zeichnen nichts ist, da ist das Denken und Urteilen alles. Und wo wie beim Radieren und Klecksen eine große Handfertigkeit dazu gehört, um etwas für das Auge Gefälliges hervorzubringen, da gilt die Ausführung mehr als das Denken, und wenn ein Bursche, dessen Anlagen vielleicht dazu ausreichen, Steine beim Bau hinaufzutragen, nur so viel Ehrgeiz und Ausdauer besitzt, seine Hand auszubilden und sich vorzudrängen, so können Sie ihn nicht mehr auf seinen gehörigen Platz zurückweisen, weil gut ausgebildete Hände so selten sind. Sehen Sie sich die Verhältnisse in der Literatur an. Unsere Bücher sind rein technisch die Arbeit von Druckern und Papiermachern. Sie können einem Schriftsteller die Hände abschneiden, und er ist so gut ein Schriftsteller wie vorher. Was ist die Folge? In einer einzigen Nummer einer Groschenzeitschrift steckt mehr Phantasie, als in einem halben Dutzend Akademiesälen während einer ganzen Saison. Kein Schriftsteller kann gleichzeitig von seiner Arbeit leben und so beschränkt sein, wie es im Durchschnitt ein erfolgreicher Maler ist. Andererseits betrachten Sie die Hilfsmittel der Musik — das Klavier zum Beispiel. Niemand außer einem Akrobaten wird freiwillig Jahre auf eine so schwierige mechanische Aufgabe, wie die Beherrschung der Klaviatur verwenden, und so genießen wir Beethovens Sonate durch die Aufführungen von Akrobaten, die einander in der Schnelligkeit ihrer Prestos oder in der Ausdauer ihres linken Handgelenks zu übertreffen suchen. Menschen mit Ideen werden nicht ihr Leben damit verbringen, Taschenspielerkunststücke zu lernen. Erfinden Sie ein Klavier, das so feinfühlend dem Drehen eines Handgriffs gehorcht, wie unsere jetzigen dem Druck der Finger, und die Akrobaten werden wieder zu ihren Teppichen und Trapezen zurückkehren müssen, denn die einzige Veranlagung, die der vortragende Musiker braucht, wird die musikalische Veranlagung sein, durch nichts anderes kann er sich Gehör verschaffen.“
Die Gesellschaft war etwas verwirrt durch diese unerwartete Belehrung. Sir Charles fühlte, daß solche Ansichten sich gegen sein innerstes Wesen wandten, daß sie das Ideale zerstörten und sich an niedrige Instinkte wandten. Er wollte schon eine verdrießliche Antwort geben, als ihm Erskine zuvorkam und Trefusis fragte, welche Ansicht er über die zukünftige Entwicklung der Kunst habe. Er erwiderte sofort:
„Photographie, vervollkommnet durch die neue Erfindung, die Farben ebenso wiederzugeben wie die Umrisse. Die Historienmalerei wird durch Photographien von lebenden Bildern verdrängt, die von tüchtigen Schauspielern und Künstlern entworfen und ausgeführt werden und hauptsächlich zur Belehrung von Kindern dienen. Neun Zehntel unserer heutigen Malerei wird durch den Wettbewerb solcher Photographien verschwinden, und das andere Zehntel hält sich gegen sie nur durch außerordentlich hervorragende Leistungen! Unsere mißtönigen und schwer zu spielenden Orgeln und Klaviere werden durch harmonische Instrumente ersetzt, die man so leicht handhaben kann wie Drehorgeln! Dichtungen werden verdrängt durch interessante Gesellschaft und Unterhaltung. Die Menschen werden aus der Kinderei herauswachsen, mit der sie sich an Geschichten ergötzten, die ihnen groß gewordene Kinder wie Romandichter und dergleichen erzählten! Man wird der verrückten Konfusion ein Ende machen, die sich hinter dem Gesamtnamen Kunst verbirgt, und die Narretei und Täuschung unserer Theateraufführungen wird man beseitigen, um dem Menschen eine höhere Kenntnis seines eigenen Wesens zu geben! Jeder Künstler ein Amateur, und dementsprechend Rückkehr zu der alten, gesunden Ansicht, daß jeder, der mit der Kunst sein Brot verdienen will, als ein Vagabund betrachtet wird und aus der Reihe der anständigen Menschen verjagt wird!“
„Worauf die Künstler verhungern und wir keine Kunst mehr haben.“
„Mein Herr,“ sagte Trefusis, den dieses Wort erregt hatte, „ich als Sozialist kann Ihnen erzählen, daß heute das Verhungern unmöglich ist, wenn nicht, wie in England, freie Männer mit Gewalt verhindert werden, ihre nötige Nahrung zu produzieren. Und Sie als Künstler können mir erzählen, daß heute alle großen Künstler verhungern müssen, wenn sie nicht durch Mildtätigkeit, eigenes Vermögen oder durch mühsame Lohnarbeit, die sie von ihrem eigentlichen Beruf abbringt, am Leben gehalten werden.“
„Oh,“ sagte Erskine. „Dann haben schließlich die Sozialisten sehr wenig Sympathie mit den Künstlern.“
„Ich fürchte,“ sagte Trefusis und nahm sich zusammen, so daß er wieder ruhig sprach, „wenn ein Sozialist hört, daß man für eine Zeichnung, die Andrea del Sarto gerne für einen Schilling verkaufte, hundert Pfund bezahlt, dann quält er sein Herz nicht mit Mitleid für den angeblichen Verlust der Künstler, wie das die modernen Kapitalisten tun. Und doch ist das heutzutage der einzige Weg, um Sympathie für die alten Meister zu zeigen. Das ist das Schlimme an der Sache, wenn Sie Ihre Zeichnungen verkaufen wollen, dann haben sie noch nicht diesen Marktwert. Aber,“ fügte er, sich schüttelnd, hinzu und sah sich fröhlich um, „ich bin nicht hierher gekommen, um Fachgespräche zu führen. Wir wollen nicht an die Sündflut denken und uns auf unsere Art weiter vergnügen.“