„Nein,“ sagte Jane. „Reden Sie nur über Kunst. Es ist eine solche Erlösung, wenn man jemand vernünftig darüber sprechen hört. Ich hasse das Radieren. Man bekommt schlechte Augen davon — wenigstens hat die Säure Sir Charles’ Augen angegriffen, und der Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Abzug besteht nur in der Einbildung, höchstens, daß der letzte Abzug schlechter ist als der — da ist das Essen!“
Sie gingen dann hinab. Trefusis saß zwischen Agatha und Lady Brandon, mit der er sich ausschließlich unterhielt. Sie plauderten zusammen, ohne daß sie sich viel durch das Geschäft des Essens stören ließen. Denn Jane hatte trotz ihres Umfangs nur einen geringen Appetit und fürchtete sich, zu fett zu werden, und Trefusis war grundsätzlich mäßig. Sir Charles zeigte sich ungewöhnlich schweigsam. Er fürchtete sich, über Kunst zu reden, damit ihm nicht Trefusis widersprechen sollte, der, wie er schon fühlte, sich weniger daraus machte, aber mehr davon verstand als er selbst. Nachdem er Agatha zuerst ein paar Bemerkungen über die Schönheit des erwachenden Frühlings gesagt und sie dann gefragt hatte, ob sie von der Reise ermüdet sei, hatte er auch alles gesagt, was ihm bei einem solchen ersten Zusammentreffen einfallen konnte. Sie selbst richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf Trefusis, der nach ihrer Meinung doch wissen mußte, daß ihm alle mit Ausnahme von Jane feindlich gesinnt waren. Aber er schien ebenso selbstzufrieden zu sein wie damals, als er sie zum Narren gehalten hatte. Dieser Gedanke stumpfte ihren Zorn ab. Sie zweifelte nicht an ihrer aufrichtigen Antipathie gegen ihn, obgleich sich heimlich in ihr ein Widerspruch regte, als sie sich einredete, sie sei unzufrieden, ihn wieder zu treffen und sie wolle nicht mit ihm sprechen. Gertrude gab inzwischen Erskine kurze Antworten und lauschte auf Trefusis. Sie hatte aus dem häuslichen Gezänke der letzten Tage so viel entnommen, daß Lady Brandon gegen den Willen ihres Mannes einen berüchtigten Demagogen, den reichen Sohn eines erfolgreichen Baumwollspinners, zu einem Besuch auf Beeches eingeladen hatte. Sie war entschlossen, solch einen Mann von oben herab zu behandeln. Als sie aber den längst vergessenen Smilasch wiedererkannte, war sie so erstaunt, daß sie nicht wußte, was sie tun sollte. So verharrte sie in steifem Schweigen, und um nichts Unpassendes zu tun, tat sie gar nichts, wie das die Gewohnheit der englischen Damen in solchen Fällen ist. Nach und nach hatte dann sein unbefangenes Selbstbewußtsein sie ebenso gefesselt wie die andern, und ihre Absicht, ihn verächtlich zu behandeln, verschwand, wie so viele Vorsätze, die man nicht ausführt. Erskine blieb allein frei von dem Einfluß des Eindringlings. Er wünschte sich selbst an einen andern Ort, aber abgesehen von Gertrude störte ihn die Gegenwart oder Abwesenheit irgendeines Menschen sehr wenig.
„Wie geht es den Jansenius’?“ fragte Trefusis plötzlich und wandte sich an Agatha.
„Danke, es geht ihnen sehr gut,“ sagte sie in gemessenem Tone.
„Ich traf kürzlich John Jansenius in der Stadt. Sie kennen Jansenius?“ fügte er zu Sir Charles gewendet bei. „Cotmans Bank — der letzte Cotman, der in der Firma war, starb, bevor wir geboren wurden. Der Präsident der Transkanadischen Eisenbahngesellschaft.“
„Ich kenne den Namen. Ich bin selten in der City.“
„Natürlich,“ stimmte Trefusis bei. „Denn wer wollte sich wohl selbst damit quälen und sich, ohne dazu gezwungen zu sein, unter eine solche Sklavenmenge begeben? Ich meine natürlich Sklaven des Mammon. In Cornhill an ihren Gesichtern vorbei Spießruten zu laufen, das kann einen feinfühlenden Mann auf Stunden zur Verzweiflung bringen. Nun, Jansenius, der eine hohe Stellung am Hofe Mammons einnimmt, sieht sich dort nach einem guten Posten für seinen Sohn um. Jansenius ist übrigens der Vormund von Miß Wylie und der Vater meiner verstorbenen Frau.“
Agatha hätte dem am liebsten widersprochen, da es aber wahr war, mußte sie es ruhig anhören. Sie wollte aber zeigen, daß die Beziehungen zwischen ihrer Familie und Trefusis keine herzlichen seien, und fragte absichtlich: „Hat Mr. Jansenius mit Ihnen gesprochen?“
Gertrude blickte auf, als sei das eine unpassende Bemerkung für eine Dame.
„Ja,“ sagte Trefusis. „Wir sind die besten Freunde in der Welt — wenigstens so weit das möglich ist. Er wollte meine Unterschrift zu einem Fonds haben, der den Armen aus Eastend dadurch hilft, daß er ihnen die Auswanderung möglich macht.“