„Ich verstehe Sie nicht. Ich gebe mir alle Mühe, aber es gelingt mir nicht. Oder wenn ich Sie verstehe, dann weiß ich nicht, ob Sie ernst reden oder nicht.“

„Ich rede im vollen Ernst. Lassen Sie doch ein für allemal diese Befürchtungen fallen, ich scherzte mit Ihnen, oder ich wollte eine müßige Stunde vertändeln, wie das Männer tun, die in Gesellschaft einer schönen Frau sind. Was ich sage, meine ich wörtlich und im tiefsten Ernst. Sie zweifeln an mir, wir haben ja die Gesellschaft so weit gebracht, daß wir uns gegenseitig mißtrauen. Aber die Wahrheit erzwingt sich von denen, die imstande sind, sie zu begreifen, früher oder später doch Glauben. Jetzt darf ich wohl Miß Lindsay zur Besinnung bringen, indem ich sie daran erinnere, daß wir schon zehn Minuten hier draußen sind und daß unsere Wirtin nicht die Frau ist, die unser Fortbleiben ohne Bemerkung zuläßt.“

„Wir wollen hineingehen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnerten.“

„Ich danke Ihnen, daß Sie es vergaßen.“

Erskine hörte, wie sich ihre Fußtritte entfernten, und sah die zwei gleich darauf in den Lichtschein hineintreten, der aus der offenen Türe des Billardzimmers hervorleuchtete, durch das sie ins Haus gingen. Trefusis, ein Mann, der heute in der wunderschönen Landschaft gelegen hatte, blind für alles außer den Ziffern eines Blaubuchs, war sein erfolgreicher Nebenbuhler, obgleich man schon an dem Klang seiner Stimme hören konnte, daß er Gertrude nicht liebte — daß er sie nicht lieben konnte. Nur ein Dichter konnte das. Trefusis war kein Dichter, sondern ein schmutziger, roher Patron, der höchstens in einer Volksversammlung Interesse erregen konnte, aber nicht bei einem Weibe, und am allerwenigsten bei einem so zarten Weibe wie Gertrude. Dabei war sie noch stolz, und doch hatte sie dem Burschen erlaubt, sie zu beschimpfen — hatte es ihm verziehen, weil er ihr ein paar grobe Komplimente machte. Erskine wurde zornig und spöttisch. Der Vorfall beleidigte sein poetisches Gefühl. Anstatt daß sein Herz von einem tragischen Schmerz erfüllt war, wie ihn ein patriotischer Märtyrer unter ähnlichen Umständen empfunden hätte, fühlte er sich verhöhnt und verspottet. Und was ihm zuerst als ganz selbstverständlich erschienen war, daß Trefusis tief unter ihm stehe, das war ihm jetzt gar nicht mehr so sicher.

Er blieb unter den Bäumen stehen, bis Trefusis wieder erschien, um nach Hause zu gehen. Er machte dabei, wie Erskine dachte, mit seinen Absätzen auf dem Kies ein Geräusch, das ein ganzes Regiment fein erzogener Menschen nicht hervorgebracht hätte. An dem Wärterhäuschen fragte er noch etwas und ging dann hinaus, und seine Schritte erstarben in der Dunkelheit.

Erskine war steif und erfroren und hatte eine Empfindung, als ob er sich eine böse Erkältung zugezogen hätte. Als er ins Haus hineinkam, war er froh, daß sich Gertrude schon zurückgezogen hatte und daß Lady Brandon, trotzdem sie bestimmt glaubte, er sei in der Dunkelheit in den Fluß hineingefahren, doch ein warmes Abendessen für ihn bereit gehalten hatte.


[Fünfzehntes Kapitel.]

Erskine fand jetzt Stoff genug, seinem neu erworbenen bitteren Spott nachzuhängen. Gertrudes Benehmen gegen ihn wurde so milde, daß er glaubte, sie hätte ihr Herz seinem Nebenbuhler geschenkt und wollte ihn jetzt zu einem Antrag bewegen, um ihn zurückzuweisen. Sir Charles, dem er den Auftritt in der Allee erzählt hatte, drückte ihm sein Mitgefühl aus, aber er schien auch zugleich befriedigt zu sein, weil hinter Trefusis’ Aufmerksamkeiten gegen Agatha keine ernsthaften Absichten steckten. Daraufhin schrieb Erskine drei bittere Sonette über falsche Freundschaft und zeigte sie Sir Charles, der nicht wußte, daß sie sich auf ihn bezogen, und sie sehr lobte. Sir Charles zeigte sie dann Trefusis, ohne den Autor um Erlaubnis zu bitten. Trefusis bemerkte nur, in einer verdorbenen Gesellschaft zeugten Ausdrücke des Mißvergnügens immer von dem Feingefühl eines Schriftstellers, aber sonst lobte er die Verse nicht viel.