Gertrudes Augen wanderten umher, als habe sie die Absicht, zu entfliehen.
„Aber unsere Beziehungen sind solche des wirklichen Lebens und darum viel zartere als die eines Romanes. Ich habe nie davon geträumt, Sie zu heiraten. Ich habe Ihre Freundschaft gewonnen und sie genossen, ohne dabei geschäftliche Pläne zu haben, von denen sich die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht einmal im Schlafe freimachen. Und Sie sind mir gegenüber ebenso uninteressiert und denken gar nicht daran, sich das Herz brechen zu lassen. Aber ich glaube, daß Sie etwas verletzt sind, weil ich einen so wichtigen Schritt, wie die Heirat mit Agatha, überlegt und ausgeführt habe, ohne Ihnen meine Absicht anzuvertrauen. Und zur Strafe sagen Sie mir, daß Sie nichts damit zu tun hätten — daß es Ihnen ganz gleichgültig sei. Doch ich habe diesen Schritt gar nicht vorher überlegt und konnte ihn daher auch nicht vor Ihnen verhehlen. Es geschah in weniger als einer Minute, daß ich den Entschluß faßte und ihn ausführte. Obgleich meine erste Heirat eine törichte Liebesgeschichte und ein Fehler war, so war ich mir doch immer darüber im klaren, daß ich wieder heiraten müßte. Ein Junggeselle ist ein Mann, der sich jeder Verantwortlichkeit und jeder Verpflichtung entzieht. Ich suche sie aber grade und halte es für meine Schuldigkeit, bei meinem ungeheuren Überfluß an Reichtum meine Neigungen nicht zu sehr anwachsen zu lassen. Bei alledem hatte ich aber keine Eile. Es gab so viele Dinge, die mich beschäftigten, ich liebte die Freiheit meines Junggesellenlebens und wußte auch manchmal nicht, ob es recht war, noch mehr Müßiggänger auf die Welt zu setzen, die die Arbeiter ernähren mußten. Dazu kam die gewöhnliche Schwierigkeit, ein passendes Mädchen zu finden. Ich wollte keine Gehilfin haben, ich kann mir selber helfen. Ebensowenig erwartete ich eine hingebende Liebe zu finden. Das Menschengeschlecht hat noch keinen Mann hervorgebracht, den man bei intimer Bekanntschaft liebt. Sogar meine Eigenliebe ist weder tief noch dauernd. Ich wollte einen munteren Gefährten für das häusliche Leben haben, und es kam mir plötzlich der Gedanke, Agatha sei vielleicht noch das Passendste, was ich auf dem Heiratsmarkt finden konnte. Denn es ist sehr schwer, hier etwas Zusagendes zu finden, und wenn man in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden, zu lauge zaudert, dann schnappen einem die andern noch den besten Handel vor der Nase weg. Ich bewundere Agathas Mut und Befähigung. Ich glaube, ich werde ihr Zuneigung zu mir einflößen, und dann wird unsere Vereinigung zu einem festen Bande verwachsen, wie es für zwei verschiedene Wesen zuträglich und notwendig ist. Vielleicht täusche ich mich über ihren Charakter, denn ich kenne sie nicht so, wie ich Sie kenne, und ich habe schwerlich soviel Zutrauen zu ihr, um mit ihr über solche Sachen wie mit Ihnen zu sprechen. Und doch liegt auch ein romantischer Anstrich über dem Ganzen, der mir Mut gibt. Agatha hat etwas Bezauberndes an sich. Finden Sie das nicht auch?“
Gertrudes Bewegtheit war verschwunden. Sie antwortete mit kühler Verachtung: „Es ist wirklich romantisch. Agatha ist sehr glücklich.“
Trefusis lachte und seufzte gleichzeitig und war froh, weil sie soviel Selbstbeherrschung zeigte. „Es klingt so — und vielleicht ist es auch nichts anderes als die selbstsüchtige Berechnung eines enttäuschten Witwers. Sie würden ein solches Angebot nicht besonders schätzen und auch die Empfängerin nicht beneiden.“
„Nein,“ sagte Gertrude mit ruhiger Geringschätzung.
„Und doch liegen hinter allen Anträgen solche Berechnungen. Wir heiraten, um unsere Neigungen zu befriedigen, und je vernünftiger unsere Neigungen sind, desto mehr Aussicht haben wir, daß sie wirklich befriedigt werden. Ich sehe, Sie sind über mich enttäuscht. Ich habe das befürchtet. Sie gehören zu der Art Frauen, die nur eine Entschuldigung für die Ehe kennen — die Liebe, die reine Gefühlsliebe, die für jede Überlegung blind ist.“
„Ich interessiere mich wirklich nicht —“
„Sagen Sie das nicht, Gertrude. Ich beobachte ängstlich jeden Schritt, den Sie tun, und ich glaube nicht, daß es Ihnen gleichgültig ist, ob ich mich würdig verhalte. Glauben Sie mir, Liebe ist eine überschätzte Leidenschaft. Man würde längst jedes Zutrauen dazu verloren haben, wenn nicht die jungen Leute und die Romanschriftsteller, die von solchen Tollheiten leben, ein immerwährendes Interesse daran hätten, dieses Zutrauen wieder aufzufrischen. Keine Verbindung, die verschiedenartige Pflichten und einen stetigen Verkehr zwischen zwei Menschen in sich schließt, kann dauernd auf der Liebe allein begründet bleiben. Doch soll man die Liebe nicht geringschätzen, wenn sie einer zarten Natur entspringt. Es gibt einen Mann, der Sie genau so liebt, wie ich nach Ihrer Ansicht Agatha lieben müßte — wie ich sie aber nicht liebe.“
Gertrudes Erregung erwachte von neuem, und sie errötete. „Sie haben jetzt kein Recht mehr, mir so etwas zu sagen,“ bemerkte sie.
„Warum darf ich nicht für einen andern eintreten? Ich spreche von Erskine.“ Ihre Farbe verschwand, und er fuhr fort: „Ich hätte gerne, wenn Sie ihn heiraten. Als verheiratete Frau werden Sie mich besser verstehen, und unsere Freundschaft, die jetzt einen Stoß erhalten hat, wird sich vertiefen. Denn jetzt, da Sie mich nicht mehr mißverstehen können, darf ich Ihnen wohl sagen, daß mir kein weibliches Wesen auf der Welt teurer ist, als Sie es sind. Das ist der Grund, den meine Selbstsucht bei der Angelegenheit hat. Erskine ist ein armer Mann, und seine behagliche Armut — verzeihen Sie den Ausdruck — wird Sie vor der Erniedrigung bewahren, sich für Reichtum und Ansehen verheiraten zu müssen. Für Mädchen Ihrer Klasse ist diese Erniedrigung eine ständige Gefahr. Die andern Mädchen bewerben sich darum, Sie aber dürfen das nicht tun. Erskine ist ehrenhaft und liebt Sie. Er ist jung, gesund und umgänglich. Was glauben Sie, daß Ihnen die Welt mehr bieten könnte?“