Gertrude erhob stolz ihren Kopf.
„Es ist ja richtig,“ fuhr Trefusis fort, der etwas ärgerlich diese Bewegung bemerkte, „daß er von Ihnen eine etwas höhere Meinung hat, als Sie es verdienen, dafür unterschätzen Sie ihn auch wiederum. Wenn Sie ihn heiraten, dann müssen Sie ihn vor einer grausamen Enttäuschung bewahren, indem Sie sich wirklich zu dem hohen Standpunkt emporschwingen, den Sie in seiner Einbildung innehaben. Das kostet Sie etwas Mühe, und diese Anstrengung wird Ihnen guttun, ob Sie nun dabei Erfolg haben oder nicht. Und was ihn angeht, den Standpunkt, auf dem er in Ihren Gedanken steht, wird er schon immer erreichen, wenn nur Ihre Gedanken ihn erreichen können.“
Gertrude machte eine Bewegung der Ungeduld.
„Wie!“ sagte er schnell. „Mein langatmiger Appell an Ihre Vernunft ist Ihnen wohl unangenehm? Ich glaube, ich spreche wider Willen so, weil ich schließlich doch auf den Burschen eifersüchtig bin. Aber ich rede im Ernst. Ich möchte, daß Sie sich verheirateten, obgleich ich immer einen geheimen Groll gegen den Mann haben werde, der Sie heiratet. Agatha hat mich im Verdacht der Treulosigkeit, wenn Sie es nicht tun. Erskine wird enttäuscht sein. Sie selbst werden verdrießlich, elend und — unverheiratet sein.“
Gertrudes Wangen röteten sich bei dem Wort eifersüchtig und dann noch einmal bei der Erwähnung Agathas. „Und wenn ich es tue,“ sagte sie bitter, „was dann?“
„Wenn Sie es tun, wird Agatha zufrieden und Erskine glücklich sein. Sie haben sich selbst geopfert und werden das Glück finden, das einem wertvollen Opfer folgt.“
„Sie sind es, der mich geopfert hat,“ sagte sie, indem sie ihr Stillschweigen aufgab. Sie blickte ihn jetzt zum erstenmal während ihrer Unterhaltung an.
„Ich weiß es,“ sagte er in halb geflüstertem Tone und neigte sich zu ihr hin. „Ist nicht Entsagen der Anfang und das Ende aller Weisheit? Ich habe Sie geopfert, weil ich unsere Freundschaft nicht entweihen wollte, indem ich Sie bat, mein ganzes Leben mit mir zu teilen. Sie sind dafür nicht geeignet, und so gehe ich eine andere Verbindung ein. Aber ich bitte Sie, meinem Beispiel zu folgen, damit wir nicht einander zu einem Schritt drängen, der bald beweisen würde, wie recht ich mit meinem Wort habe, daß Sie für mich nicht geeignet sind. Ich habe Ihnen nie gestattet, durch alle Zimmer meines Bewußtseins zu streifen, aber ich habe für Sie dort ein Allerheiligstes und will es unentwegt für Sie bewahren. Selbst Agatha soll den Schlüssel dazu nicht haben. Sie muß zufrieden sein mit den andern Zimmern — dem Gesellschaftszimmer, dem Arbeitszimmer, dem Speisezimmer und so fort. Alle diese würden Ihnen nicht passen, Sie würden weder die Einrichtung noch die Gäste lieben und nach einiger Zeit nicht einmal mehr den Hausherrn. Wollen Sie mit dem Allerheiligsten zufrieden sein?“
Gertrude biß auf ihre Lippen, die Tränen traten ihr in die Augen. Sie sah ihn flehend an. Wären sie allein gewesen, sie hätte sich in seine Arme geworfen und ihn gebeten, alles außer ihrer gegenseitigen starken Zuneigung zu vergessen.
„Und wollen Sie einen Winkel in Ihrem Herzen für mich bewahren?“