„Du abscheulicher Mensch!“

„Natürlich nicht von dir, mein Herzchen, aber von den unglücklichen Menschen, die Sklavenarbeit tun, damit wir müßig leben können. Ich will dir erklären, warum wir so reich sind. Mein Vater war ein schlauer, energischer und ehrgeiziger Baumwollhändler, der unter einem Austausch jeder Art nur ein Geschäft verstand, bei dem der eine verliert und der andere gewinnt. Er machte es sich zur Aufgabe, so oft wie möglich diesen Austausch vorzunehmen und dabei stets der gewinnende Teil zu sein. Ich weiß nicht genau, woher er stammte, denn er schämte sich sowohl seiner Vorfahren wie auch seiner Verwandten, woraus ich nur schließen kann, daß sie ehrliche und darum erfolglose Leute waren. Jedenfalls erwarb er etwas Kenntnis vom Baumwollhandel, legte etwas Geld zurück, erborgte noch mehr, was man ihm gerne anvertraute, weil er im Ruf stand, die Leute im Geschäft über’s Ohr zu hauen, und fing dann, wie er mir später wörtlich erzählte, für sich selbst an. Er kaufte eine Fabrik und etwas Rohbaumwolle. Nun mußt du wissen, wenn ein Mann eine Zeitlang an einem Stück Rohbaumwolle arbeitet, kann er sie in ein Stück gewebte Baumwolle verwandeln, fertig für Bettücher, Hemden und dergleichen. Die gewebte Baumwolle ist wertvoller als die Rohbaumwolle, sie kostet Abnutzung der Maschinen, Abnutzung der Fabrik, Zinsen für das Grundstück, auf der die Fabrik gebaut ist, und menschliche Arbeit oder Abnutzung von Menschenleben, die durch Nahrung, Obdach und Rast bezahlt wird. Verstehst du das?“

„Das lernten wir alles auf der Schule. Ich sehe aber nicht ein, was das mit uns zu tun hat, du arbeitest doch nicht im Baumwollhandel.“

„Du lerntest sicherlich genau so viel, als man es für gut fand, dir zu lehren, aber ich glaube nicht, daß du alles lerntest. Als mein Vater für sich anfing, gab es viele Männer in Manchester, die auch gerne auf diese Art gearbeitet hätten. Aber sie besaßen keine Fabrik, um darin zu arbeiten, keine Maschinen, um damit zu arbeiten, keine Rohbaumwolle, um daran zu arbeiten, einfach, weil alle diese unentbehrlichen Produktionsmittel sich schon in festem Besitz befanden. So standen sie da mit leerem Magen, zitternden Gliedern und hungrigen Frauen und Kindern in einem Land, das sie ihr eigenes Vaterland nannten, in dem aber jeder Fetzen Boden, jede mögliche Nahrungsquelle fest verschlossen im Besitz anderer war und von bewaffneten Soldaten und Polizisten bewacht wurde. In dieser hilflosen Lage waren die armen Teufel dann gezwungen, um Zulaß zu der Fabrik und zu der Rohbaumwolle zu bitten und mit allem zufrieden zu sein, wenn sie nur ihr Leben fristen konnten. Mein Vater bot ihnen die Benutzung seiner Fabrik, seiner Maschinen und seiner Rohbaumwolle unter folgenden Bedingungen an: Sie mußten lange und schwer arbeiten, von früh bis spät, und seiner Rohbaumwolle neuen Wert hinzufügen, indem sie sie verwebten. Aus diesem so von ihnen geschaffenen Mehrwert mußten sie ihn entschädigen für das, was er ihnen lieferte: nämlich Miete, Obdach, Gas, Wasser, Maschinen, Rohbaumwolle und alles andere, und sie mußten ihm für seine eigenen Dienste als Direktor, Leiter und Kaufmann bezahlen. Soweit verlangte er nichts, als was ihm grade gebührte. Aber nachdem dies alles bezahlt war, blieb noch ein Betrag, den sie nur ihrer eigenen Arbeit verdankten. ‚Von allem diesen‘, sagte mein Vater, ‚sollt ihr grade genug bekommen, damit ihr nicht verhungert, und den Rest gebt ihr mir als Geschenk, weil ich es so gut verstehe, Geld anzusammeln. Das ist das Geschäft, wie ich es vorschlage. Es ist nach meiner Meinung angemessen und darauf berechnet, sparsame Gewohnheiten bei euch herbeizuführen. Wenn ihr es nicht in dem Licht seht, könnt ihr euch selbst eine Fabrik und Rohbaumwolle anschaffen. Meine braucht ihr nicht zu benutzen.‘ In andern Worten, sie konnten zum Teufel gehen und verhungern — Hobsons Wahl! — denn alle andern Fabriken waren im Besitz von Männern, die keine besseren Bedingungen anboten. Die Leute in Manchester ertrugen aber das Verhungern nicht, und sie konnten auch nicht sehen, wie ihre Kinder verhungerten, so nahmen sie also seine Bedingungen an und gingen in die Fabrik. Die Bedingungen, weißt du, waren von der Art, daß sie nicht, wie er, sich Geld zurücklegen konnten. So schufen sie einen großen Reichtum und lebten sehr ärmlich, so daß der Überschuß, den sie für nichts meinem Vater gaben, sehr groß war. Er kaufte damit noch mehr Baumwolle, noch mehr Maschinen und noch mehr Fabriken. Er beschäftigte immer mehr Menschen, die für ihn Reichtum schafften, und sah sein Vermögen anwachsen wie einen herabrollenden Schneeball. Er wurde enorm reich, aber die Arbeiter waren nicht besser daran als im Anfang, und sie durften nicht aufsässig werden und mehr von dem Geld verlangen, das sie schufen, denn draußen gab es immer genug hungrige Lumpen, die gerne zu den alten Bedingungen ihre Plätze einnahmen. Oft hatte er es mit einer Krisis zu tun, so zum Beispiel, wenn er in seinem Eifer, sein Lager zu vergrößern, durch seine Leute mehr Baumwolle verarbeiten ließ, als das Publikum brauchte. Oder wenn er nicht genug Rohbaumwolle bekommen konnte, wie es während des amerikanischen Bürgerkrieges vorkam. Dann paßte er sich den Umständen an, indem er so viele Arbeiter entließ, wie es nach dem Absatz oder dem Baumwollvorrat nötig war. Sie verhungerten natürlich oder fielen der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last. Während des Bürgerkrieges ging eine gewaltige Liste rund für diese armen Unglücklichen, und mein Vater zeichnete hundert Pfund trotz seiner eigenen großen Verluste, wie er sagte. Dann kaufte er neue Maschinen, und da an diesen die Frauen und Kinder ebensogut arbeiten konnten wie die Männer, und da sie billiger und lenksamer waren, setzte er ungefähr siebzig von jedem Hundert seiner Hände (so nannte er die Männer) auf das Pflaster und ersetzte sie durch ihre Frauen und Kinder, die schneller als je für ihn Geld machten. Zu dieser Zeit hatte er es längst aufgegeben, seine Fabriken selbst zu leiten, und er bezahlte tüchtigen Menschen, die selbst kein eigenes Vermögen hatten, ein paar hundert Pfund im Jahr, weil sie das für ihn besorgten. Er erwarb auch Aktien von anderen Unternehmungen, die nach denselben Grundsätzen geleitet wurden. Er steckte Dividenden ein, die in Gegenden erworben waren, die er nie besucht hatte, und von Männern, die er nie gesehen hatte. Er kaufte sich von einer armen und bestechlichen Wählerschaft einen Sitz im Parlament und half die Gesetze bewahren, durch die er groß geworden war. Später, als der Ruf seines Reichtums sich immer mehr verbreitete, brauchte er niemand mehr zu bestechen, denn die modernen Menschen verehren die Reichen als Götter und wählen einen Mann zu ihrem Leiter aus keinem andern Grunde, als weil er ein Millionär ist. Er äffte den Adligen nach, wohnte in einem Palast in Kensington und kaufte einen Teil von Schottland, um daraus einen Jagdgrund zu machen. Es ist leicht genug, Jagdgründe anzulegen, denn Bäume sind da nicht notwendig. Man jagt einfach die Bauern davon, zerstört ihre Häuser und macht eine Wüste aus dem Land. Zwar schoß mein Vater selbst nicht viel, er überließ gewöhnlich während der Saison die Jagd andern, die das taten. Er verschaffte sich auch eine Frau von adligem Geblüt — das unbefriedigte Resultat steht vor dir. So gelang es Jesse Trefusis, dem armen Handelsmann, ein Plutokrat und Landedelmann zu werden. Und so bin ich, der ich nie in meinem Leben die geringste Arbeit getan habe, überladen mit Reichtum, während die Kinder der Männer, die diesen ganzen Reichtum geschaffen haben, Sklavenarbeit tun wie ihre Väter, oder verhungern, oder im Arbeitshaus, auf den Straßen oder Gott weiß wo sie sich herumtreiben. Was denkst du darüber, mein Lieb?“

„Welchen Zweck hat es, sich deshalb zu quälen, Sidney? Du kannst das jetzt nicht mehr ändern. Übrigens, wenn dein Vater sich Geld sparte und die andern waren gleichgültig, dann verdiente er es, daß er ein Vermögen machte.“

„Zugegeben! aber er machte gar kein Vermögen. Er nahm das Vermögen, das die andern machten. In Cambridge lehrte man mir, seine Reichtümer seien der Lohn seiner Sparsamkeit — jener Sparsamkeit, die es ihm ermöglichte, so viel zurückzulegen. Das beruhigte mein Gewissen, bis ich anfing, mich zu wundern, wie ein Mann einen andern veranlassen konnte, ihn für eine Tugend zu bezahlen. Dann kam die Frage: woran sparte mein Vater? Die Arbeiter sparten an Essen, Trinken, frischer Luft, guten Kleidern, anständigem Wohnen, an Feiertagen, Geld, an der Gesellschaft ihrer Familie und fast an allem, was das Leben lebenswert macht. Das war vielleicht der Grund, weshalb sie ungefähr zwanzig Jahre früher starben, als Leute in unseren Kreisen. Aber niemand belohnte sie für ihre Sparsamkeit. Die Belohnung bekam mein Vater, der an gar nichts von allen diesen Dingen sparte, sondern sie nach Herzenslust genoß. Übrigens, wenn Geld der Lohn für Sparsamkeit war, dann mußte er logischerweise zehnmal so viel sparen, wenn er fünfzigtausend Pfund im Jahr einnahm, als wenn er nur fünftausend hatte. Hier lag ein Problem für meinen jungen Kopf. Man suche etwas, an dem mein Vater sparte und in dem die Arbeiter schwelgten, etwas, an dem er mehr und mehr sparte, je reicher er wurde. Das einzige Ding, welches paßte, war schwere Arbeit, und da ich niemals einen vernünftigen Mann gesehen habe, der einem andern etwas für sein Faulenzen bezahlt, so begann ich zu begreifen, daß die wunderbaren Einnahmen meines Vaters durch Gewalt erzwungen waren. Um gerecht gegen ihn zu sein, er selbst rühmte sich nie seiner Sparsamkeit. Er betrachtete sich als schwer arbeitenden Mann und beanspruchte sein Vermögen als Lohn für sein Risiko, seine Berechnungen, seine Sorgen und seine Reisen, die er in jeder Jahreszeit und zu jeder Stunde unternehmen mußte. Dies beruhigte mich etwas, bis mir der Gedanke kam, wenn er ein Jahrhundert früher gelebt und sein Geld in einem Pferd und in einem Paar Pistolen angelegt hätte und Straßenräuber geworden wäre, daß dann seine Absicht — den andern die Frucht ihrer Arbeit zu entreißen, ohne ihnen etwas Gleichwertiges zurückzugeben — genau dieselbe und sein Risiko viel größer gewesen wäre, denn er riskierte dabei an den Galgen zu kommen. Fortwährendes Arbeiten, während ihm die Beamten auf den Hacken saßen, und Berechnungen, ob er die Post nach Dover berauben sollte, würden ihm übergenug Tätigkeit und Sorgen gegeben haben. Überhaupt, wenn das Parlamentsmitglied Jesse Trefusis, der als Millionär in seinem Palast in Kensington starb, ein Straßenräuber gewesen wäre, ich könnte keinen tieferen Ekel vor den sozialen Einrichtungen empfinden, die eine solche Laufbahn wie die seine nicht nur möglich, sondern auch in den Augen seiner Zeitgenossen zu einer ehrenvollen machten. Die meisten Menschen betrachten es als ihre Aufgabe, ihm nachzustreben, und hoffen in derselben Art zu einem reichen und müßigen Leben zu kommen. Darum wende ich ihnen den Rücken. Ich kann nicht bei ihren Festgelagen sitzen, da ich weiß, wieviel diese an menschlichem Elend kosten, und da ich sehe, wie wenig menschliches Glück sie hervorbringen. Was ist deine Meinung, mein Schatz?“

Henrietta schien etwas gequält zu sein. Sie lächelte matt und sagte in liebkosendem Ton: „Es war nicht deine Schuld, Sidney. Ich tadle dich nicht.“

„Ihr ewigen Mächte!“ rief er aus und saß kerzengrade da, indem er den Himmel anflehte, „hier dieses Weib glaubt, das einzige, was mich an der Sache interessiert, sei, ob sie über mich persönlich deswegen etwas Schlechtes denkt!“

„Nein, nein, Sidney. Nicht nur ich allein, niemand denkt deshalb etwas Schlechtes von dir.“

„Ganz recht,“ entgegnete er in höflicher Wut. „Niemand sieht etwas Schlimmes darin. Das ist ja grade das Schlimme an der Sache.“