„Übrigens,“ bemerkte sie nachdrücklich, „stammt deine Mutter aus einer der ältesten Familien Englands.“

„Und was kann ein Mann mehr verlangen als Reichtum und adlige Abstammung! Kann ein Mann glücklicher sein, als ich es sein müßte, der von einem Monopolbesitzer aller Wohlstandsquellen und Produktionsmittel, von Land und Maschinen, abstammt? Dieser selbe Grund und Boden, auf dem wir hier stehen, war das Eigentum des Vaters meiner Mutter. Wenigstens erlaubte ihm das Gesetz, ihn als solches zu benutzen. Als er ein Knabe war, da hauste hier ein leidlich glückliches Geschlecht von Bauern, die den Boden pflügten und für die Erlaubnis, daß sie das tun durften, ihm eine Rente zahlten. Sie erzielten genug, um seine großen Ansprüche und ihre kleinen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne daß sie sich dabei zu Tode arbeiteten. Aber mein Großvater war ein schlauer Mann. Er begriff, daß Kühe und Schafe durch ihr Fleisch und ihre Wolle mehr Geld einbrachten als die Bauern durch ihre Landwirtschaft. So machte er klare Bahn. Das heißt, er vertrieb die Bauern aus ihren Hütten, grade wie es später mein Vater auf seinem Jagdgebiet machte. Oder, wie es auf seinem Grabstein hieß, er entdeckte seinem Vaterlande neue Wohlstandsquellen. Ich weiß nicht, was aus seinen Bauern geworden ist. Er wußte es jedenfalls nicht, und ich glaube auch nicht, daß es ihn irgendwie kümmerte. Wahrscheinlich gingen die Alten ins Arbeitshaus, und die Jungen drängten sich in die Städte und arbeiteten in Fabriken, wie sie mein Vater besaß. Auf ihren früheren Wohnstätten hauste jetzt das Vieh, und es machte sich für das Futter, das man ihm reichte, so gut bezahlt, daß mein Großvater unter den Bedingungen der Manchestermänner Arbeiter mietete, die diesen Kanal hier gruben. Mein Vater beteiligte sich mit Aktien an dem Unternehmen. Als der Kanal fertig war, legten sie Schiffahrtsabgaben darauf, die ihre Erben noch heute beziehen. Und die Söhne der Arbeiter, die ihn gruben, und des Ingenieurs, der ihn zeichnete, bezahlen die Abgaben, wenn sie zufällig darauf fahren oder Güter darauf befördern. Ich erinnere mich meines Großvaters noch sehr gut. Er war ein vornehmer Mann, ein vollkommener Gentleman in seinem Benehmen. Aber im ganzen, glaube ich, war er schlechter als mein Vater, der nun einmal im Räderwerk eines fehlerhaften Systems steckte und entweder andere berauben mußte oder von ihnen beraubt wurde. Aber mein Großvater — der alte Schuft! — war nicht in einer solcher Verlegenheit. Er war Herr und Meister über seinen Anteil an dem alten, lustigen England, kein Mensch konnte ihn zum Sklaven machen, und er hätte wenigstens leben und leben lassen sollen. Mein Vater folgte ja seinem Beispiel, als er sich die Jagdgründe anlegte, aber das war auch der Höhepunkt seiner Schlechtigkeit, während es bei meinem Großvater nur der Anfang war. Doch wie es auch sei und wem auch die Palme gebührt, die beiden sind unsere Vorbilder, denen wir alle nachstreben.“

„Nicht alle, Sidney. Wir zwei doch nicht. Ich hasse Unternehmer und Großgrundbesitzer. Wir gehören zu den Kultur- und Künstlerklassen, und wir können uns von Handelsleuten fernhalten.“

„Ja, und wir verzehren inzwischen verschiedene tausend Pfund von Renten und Zinsen. Nein, mein Schatz, so machen es die Leute, die selbst im Himmel leben und nicht an die Hölle erinnert werden wollen, die aber nichts dagegen haben, daß eine außerhalb ihres Bewußtseins existiert. Ich habe vor meinem Vater mehr Achtung — ich meine, ich verabscheue ihn weniger — weil er das Ausbeuten und Stehlen selbst besorgte, als die gefühlvollen Faulenzer und Feiglinge, die ihm Geld gaben, damit er damit andere ausbeutete und bestahl, und die nach gar nichts fragten, wenn er nur die Zinsen pünktlich bezahlte. Und was deine Freunde, die Künstler, angeht, das sind die Allerschlimmsten.“

„Oh, Sidney, du hast dir in den Kopf gesetzt, alles häßlich zu finden. Künstler halten keine Fabriken.“

„Nein, aber die Fabriken sind auch nur ein Teil in dem Räderwerk des Systems. Seine Grundlage ist die Tyrannei der Gehirnkraft, die unter zivilisierten Menschen tun kann, was Muskelkraft unter Schuljungen und Wilden tut. Der Schuljunge sagt: ‚Ich bin stärker als du, folglich mußt du für mich Dienste tun.‘ Der Erwachsene befiehlt: ‚Ich bin schlauer als du, darum mußt du für mich Dienste tun.‘ Diese Zustände, denen wir uns unterwerfen, sind an und für sich schlimm genug, sie werden aber unerträglich, wenn die mittelmäßigen oder schwachsinnigen Abkömmlinge dieser schlauen Burschen den Anspruch erheben, ihre Vorrechte zu erben. Nun hängen aber keine Menschen so sehr an der unbeschränkten Herrschaft von Genie und Talent wie deine Künstler. Der große Maler ist nicht damit zufrieden, daß er gesucht und bewundert wird, weil seine Hände, was auch tatsächlich der Fall ist, mehr können als gewöhnliche Hände — nein, er will auch so ernährt werden, als ob sein Magen, was nicht der Fall ist, mehr Nahrung brauchte als gewöhnliche Mägen. Ein Tagewerk ist ein Tagewerk, nicht mehr und nicht weniger, und wer einen Tag arbeitet, braucht dafür Unterhalt und Schlaf und Mußezeit, ob er nun Maler oder Bauer ist. Aber der Halunke von einem Maler, Dichter, Romanschreiber, oder was er sonst für eine Luxusbeschäftigung hat, ist nicht damit zufrieden, daß er in der allgemeinen Achtung höher steht als der Bauer, er will auch mehr Geld haben, als ob der Tag im Atelier oder im Studierzimmer mehr Stunden hätte als auf dem freien Feld. Als ob er mehr Nahrung brauchte, um seine Arbeit leisten zu können, als der Bauer. Er spricht von der höheren Art seiner Arbeit, als ob diese höhere Wertschätzung sein eigenes Verdienst sei — als ob er das Recht hätte, weniger für seinen Nachbarn zu tun, als sein Nachbar für ihn tut, als ob der Bauer nicht leichter ohne ihn auskäme, als er ohne den Bauer — als ob der Wert der berühmtesten Gemälde nicht zweifelhafter wäre als der einer graden Ackerfurche — als ob nicht ebensoviele Jahre des Lernens dazu gehörten, die Hand und das Auge eines Maurers und eines Schmiedes auszubilden als die eines Künstlers — als ob, um es kurz zu sagen, der Kerl ein Gott wäre, wie ihm die phantasierenden Kunstverehrer seit Jahren versichert haben. Die Künstler sind die Hohenpriester des modernen Molochs. Neun Zehntel von ihnen sind kranke Geschöpfe, die grade noch vernünftig genug sind, aus ihrer Nervosität ein Geschäft zu machen. Die einzige Eigenschaft von ihnen, die mir etwas Achtung abnötigt, ist eine gewisse erhabene Selbstsucht, die sie veranlaßt, lieber zu verhungern und ihre Familie verhungern zu lassen, als etwas zu tun, was sie nicht lieben.“

„Wahrhaftig, du bist ganz im Unrecht, Sidney. In der Sladeschule war ein Mädchen, das seine Mutter und zwei Schwestern durch Zeichnen ernährte. Übrigens, was kannst du tun? Die Leute sind nun einmal so.“

„Ja, ich bin durch die Torheit der Leute Grundbesitzer und Kapitalist, aber sie können mir das ja wieder abnehmen. Ich selbst habe keine Möglichkeit, aus meiner Lage herauszukommen, außer wenn ich meine Sklaven an Menschen abgebe, die sie nicht besser behandeln als ich selbst, und selbst ein Sklave werde, was mir nicht so bald einfallen wird. Nein, meine Geliebte, ich muß um deinetwillen und um meinetwillen meinen Fuß auf ihren Nacken halten. Aber du gibst nicht viel um solches langweiliges Zeug. Mein Gewissen quält mich, weil ich dir, mein Engel, Verdruß damit machte. Du willst wissen, warum ich hier wie ein Einsiedler in einer zweizimmerigen Hütte wohne, statt mit meinem schönen und angebeteten Weib die Freuden des Londoner Gesellschaftslebens zu genießen?“

„Aber du willst doch nicht etwa hierbleiben, Sidney?“

„Allerdings, und ich will dir auch sagen, warum. Ich will helfen, diese Manchesterarbeiter, die die Sklaven meines Vaters waren, zu befreien. Um das fertig zu bringen, müssen alle ihre Mitsklaven in der ganzen Welt zu einer großen internationalen Vereinigung zusammentreten. Sie müssen geloben, die Arbeit der ganzen Welt gerecht zu verteilen, die Produkte der Arbeit gerecht zu verteilen, keinem erwachsenen, rüstigen Faulenzer oder Simulanten einen Pfennig zu geben und jeden in der Gemeinschaft als Ungeziefer zu betrachten, der mehr als seinen Anteil vom allgemeinen Wohlstand haben will und weniger als seinen Anteil an der Arbeit geben will. Es ist sehr schwer, das durchzuführen, denn die Arbeiter, wie alle Leute, denen man helfen will, sehen ihre eigenen Vorteile nicht ein und helfen oft ihren Unterdrückern, ihre eigenen Retter unter den Klängen der Rule Britannia oder eines ähnlichen verlogenen Unsinns zu vertreiben. Wir müssen ihre Köpfe erst davon befreien und inzwischen fleißig die internationale Arbeitervereinigung ausbauen. Ich mache jetzt Propaganda für ihre Grundsätze. Der angeblich zum Regieren, in Wirklichkeit aber zum Unterdrücken der Nation organisierte Kapitalismus würde bald genug unserer Vereinigung Einhalt gebieten, wenn er unsere Absicht verstände. Aber er glaubt, wir seien mit Pulverkomplotten und Verschwörungen zur Ermordung gekrönter Häupter beschäftigt, und so geht, während die Polizei in tölpelhafter Weise nach Beweisen hierfür sucht, unser wirkliches Werk ungestört weiter. Ob ich selbst wirklich die Sache fördere, das ist mehr, als ich sagen kann. Ich verbrauche eine Menge Freimarken, bezahle vielen gleichgültigen Lesern die Lektüre, bestreite die Papierkosten für Pamphlete und Zettel, auf denen die Arbeiter als das Salz der Erde gepriesen werden, bin Redakteur und Herausgeber einer kleinen sozialistischen Zeitung und tue im allgemeinen, was in meinen Kräften steht. Es ist besser, wenn ich meinen übel erworbenen Reichtum auf diese Weise verwende, als in einem teuren Haushalt und mit einem Gefolge von Dienern. Ich ziehe meinen gewöhnlichen Anzug und meine zweizimmerige Hütte deinem hübschen, lieben Hause vor, und deinen hübschen, lieben Spielereien, und der hübschen, lieben Vernachlässigung aller Arbeit, die mir am Herzen liegt. Vielleicht mache ich auch einmal wieder Feiertage, und dann werden wir neue Flitterwochen verleben.“