„Wer ist da?“
„Das bin ich, Miß Wilson, und Gertrude. Wir haben uns das Wetter angesehen, und da klopft jemand an die —“ Ein wütendes Hämmern mit dem Türklopfer unterbrach sie. Dann folgte ein Laut, der durch den Sturmwind übertönt wurde, als ob ein Mann etwas riefe.
„Sie sollten lieber nicht die Tür öffnen,“ sagte Miß Wilson etwas beunruhigt. „Und Sie, Agatha, sind sehr unvernünftig, daß Sie hier stehen. Sie werden sich zu Tod — O Gott! Was kann da sein?“
Sie eilte, gefolgt von Agatha, Gertrude und einigen mutigeren Schülerinnen, auf den Flur hinunter. Ein paar zitternde Dienstmädchen standen neben der Haushälterin, die jammernd durch das Schlüsselloch fragte, wer denn da wäre. Man hörte sie offenbar draußen nicht, denn das Klopfen begann, während sie sprach, von neuem, und sie fuhr zurück, als ob sie einen Schlag gegen den Mund bekommen hätte. Miß Wilson rasselte jetzt mit der Kette und fragte von neuem, wer da wäre.
„Lassen Sie uns ein!“ schrie jemand dumpf durch das Schlüsselloch. „Hier ist eine sterbende Frau und drei Kinder. Macht die Tür auf!“
Miß Wilson verlor ihre Geistesgegenwart. Um Zeit zu gewinnen, antwortete sie: „Ich — ich kann nicht verstehen. Was sagten Sie?“
„Verdammt!“ rief die Stimme und richtete sich diesmal an jemand, der sich draußen befand. „Sie können uns nicht verstehen.“ Und das Klopfen begann von neuem und mit verstärkter Heftigkeit. Agatha faßte erregt Miß Wilson an ihrem Morgenkleid und wiederholte ihr, was die Stimme gesagt hatte. Miß Wilson hatte es deutlich genug gehört, und sie fühlte auch irgendwie, daß sie die Türe öffnen müsse, aber sie war fast überwältigt von einer unbestimmten Furcht vor dem Kommenden. Sie begann die Kettet abzuhängen, und Agatha half ihr bei dem Aufriegeln. Zwei Dienstmädchen erklärten, sie würden sicher alle in ihren Betten ermordet werden, und liefen davon. Einige von den Schülerinnen schienen geneigt, ihrem Beispiel zu folgen. Bis endlich die freigewordene Tür weit aufflog und Miß Wilson und Agatha zurückwarf. Ein Wirbelwind fuhr in den Hausflur, riß an den Kleidern der Mädchen und blies die Kerzen aus. Agatha sah beim Aufzucken eines Blitzstrahls zwei Männer, die sich an der Türe abmühten, wie Matrosen an einer Ankerwinde. Dann hörte der Wind auf, und sie wußte, daß die Türe geschlossen war. Streichhölzer wurden angezündet, die Kerzen in Brand gesetzt, und man konnte jetzt die Ankömmlinge deutlich erkennen.
Smilasch stand in bloßem Kopf und ohne Rock da, seine Manchesterweste und Hose waren schwer vom Regen. Neben ihm stand ein struppig aussehender Mann im mittleren Alter, der die ärmliche Kleidung eines Viehhirten trug und gleichfalls ganz durchnäßt war. Er hatte das armselige, geduldige und verzweifelte Gesicht eines Menschen, der vom Unglück hart verfolgt und am Ende seiner Kräfte ist. Zwei kleine Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, die fast nackt waren, verbargen sich unter einem alten Sack, den sie als Schirm gebraucht hatten. Auf der Polsterbank aber lag ein Bündel abgetragener Kleidungsstücke, Sackleinen und zerrissener Decken, das mit Smilaschs Rock und Südwester bedeckt war. Unter diesem Haufen Lumpen verbarg sich ein erschöpftes Weib mit einem armseligen Säugling an der Brust. Smilaschs Gesicht bekam einen grimmigen Ausdruck, als er nach ihr hinsah.
„Verzeihen Sie, daß wir Sie stören, Lady,“ sagte der Mann nach einem ängstlichen Blick auf Smilasch, da er erwartete, daß dieser sprechen würde. „Aber mein Dach und eine Wand von dem Haus sind bei dem Sturm eingestürzt, und meine Frau hat noch ein anderes kleines Kind gehabt, und es tut mir so leid, daß wir Sie belästigen, Miß. Aber — aber —“
„Belästigen!“ schrie Smilasch. „Es ist das höchste Vorrecht einer Dame, Ihnen zu helfen — das höchste Vorrecht.“