[Siebtes Kapitel.]

Agatha ging um diese Zeit in ihr siebzehntes Jahr. Sie hatte eine scharfe Auffassung für die Schwächen der andern und keinen Respekt vor den älteren Schülerinnen, die sie für stumpfsinnig, ängstlich und lächerlich alltäglich hielt. Aber sie war einer Einbildung unterworfen, die die Jugend so oft dem Alter gegenüber benachteiligt: sie hielt sich für eine Ausnahmenatur. Während sie Mr. Jansenius und dem gewöhnlichen Menschenpack nur eine oberflächliche Kenntnis der gröbsten Tatsachen des Lebens zutraute, fühlte sie in ihrer Seele ein zartes Verständnis und eine hingebende Liebe zur Natur, die nur ihre Lieblingsdichter, ihre Roman- und Geschichtshelden teilten. Deshalb konnte sie wie die meisten jungen Menschen viel besser die Angelegenheiten fremder Leute beurteilen als ihre eigenen. Über ihre Mitschülerinnen, die irgendeinen Hans oder Heinrich anbeteten, nicht aus dem kindischen Gefühl, das die Welt Liebe nennt, sondern weil grade dieser Hans oder Heinrich ein Phönix war, auf den die Gesetze, die sonst die Beziehungen junger Leute regeln, nicht paßten, lachte sich Agatha ins Fäustchen. Je mehr sie solche Schwächen bei ihren Freundinnen sah, desto sicherer fühlte sie sich selbst davor. Sie war ja gewarnt. Sie glich einem Doktor, der glaubt, er sei vor den Pocken sicher, weil er schon viele Fälle davon gesehen hat. Oder einem Seemann, der weiß, wie viele Schiffe im Kanal untergehen, und der nun ohne Steuermann fährt, weil er die Gefahren viel zu gut kennt, um etwas von ihnen zu befürchten. Und wie der Doktor an einer solchen Meinung festhält, weil er glaubt, er sei anders veranlagt als die gewöhnlichen Menschen, wie der Schiffer so lossegelt, weil er sein Schiff — für einen Stern hält: so fand auch Agatha eine falsche Sicherheit in dem Unterschied zwischen ihren Mitschülerinnen, die sie von außen beurteilte, und sich selbst, die sie innerlich kannte. Als sie sich zum Beispiel in Mr. Jefferson Smilasch verliebte — sie entschloß sich dazu am Tage nach dem Sturm — gab ihre Phantasie diesem wonnigen Gefühl eine höhere Weihe, die es weit über die nichtigen Schwärmereien setzte, die ihr die andern Mädchen anvertrauten und deren Gegenstand Hans oder Heinrich waren.

„Ich kann ihn ganz kühl und gleichgültig ansehen,“ sagte sie sich selbst. „Obgleich sein Gesicht einen seltsamen Einfluß ausübt, der sicherlich mit einer unerklärlichen Macht in mir in Verbindung steht, ist es doch kein vollkommenes Gesicht. Ich habe viele Männer gesehen, die streng genommen viel hübscher sind. Wenn auch ein überirdisches Licht aus seinen Augen leuchtet, es sind doch keine hübschen Augen — sie sind nicht halb so klar wie meine. Obgleich er seine gewöhnliche Kleidung mit einer unaussprechlichen Grazie trägt, die seine feine Erziehung mit jedem Schritt verrät, er ist doch nicht schlank, dunkelhaarig und melancholisch, wie mein idealer Held sein würde, wenn ich eine solche Närrin wäre wie die andern Mädchen in meinem Alter. Wenn ich auch verliebt bin, ich habe doch genug Verstand, um mir durch meine Liebe nicht mein klares Urteil trüben zu lassen.“

Sie erzählte niemand von dem neuen Reiz, den ihr Leben gewonnen hatte. Sie war die stärkste in dem Mädchenkreise und benutzte ihre Macht in gutmütiger Weise, um die beliebte Anführerin der andern zu werden. Aber sie schreckte auch gelegentlich nicht davor zurück, sich die Vorrechte eines Schultyrannen zu verschaffen. Aber Beliebtheit und Vorrechte genügten ihr nur, wenn sie die Laune dafür hatte. Die Mädchen wollen wie die Männer gehätschelt, getröstet und mit Aufmerksamkeit behandelt werden, wenn sie mutlos und niedergeschlagen sind oder unerwiderte Liebe fühlen. Solche Dienste kann aber der Schwache nicht dem Starken erweisen, und der Starke will es nicht tun, außer wenn beide verschiedenen Geschlechts sind. Agatha wußte durch Erfahrung, daß ein schwaches Mädchen nicht versteht, warum die stärkere Schwester sich an sie anlehnt, daß sie sich einfach an der Tatsache erbaut und statt aller Tröstung nur Geschwätz gibt. Agatha suchte Verständnis und kein Geschwätz. Da sie das nicht finden konnte, beschloß sie, auf Mitgefühl zu verzichten und zu schweigen. Sie hatte das schon oft tun müssen, und jetzt half ihr die Empfindung, wie lächerlich ihr Gefühl einem gewöhnlichen Auge erscheinen mußte.

Ihr Geheimnis war leicht zu verbergen, da man sie auf der Schule jeder zarteren Empfindung für unfähig hielt. Die Liebe beeinflußte sie äußerlich gar nicht. Sie versetzte sie nur in den Glauben, daß jetzt ihre Mädchenzeit hinter ihr läge, daß sie jetzt eine Frau mit neu entstandenen Trieben und Fähigkeiten sei, über die sie noch vor kurzem in kindischer Weise gespottet hätte. Sie schämte sich jetzt über die Biene an der Fensterscheibe, obgleich sie das Stück trotzdem ebenso häufig summte als vorher. Ihr Tagesplan war früher eine einförmige Folge von Unterrichtszeit, Eßzeit, Spielzeit und Schlafzeit gewesen, jetzt wurde er in unregelmäßiger Weise durch Spaziergänge nach dem Landhaus und gelegentliche flüchtige Blicke auf seinen Bewohner eingeteilt.

Anfang Dezember stellte sich ein scharfer Frost ein, und die Schiffahrt auf dem Kanal wurde aufgehoben. Wickens Junge kam mit der Nachricht in die Anstalt, Wickens Weiher trüge schon, und die jungen Damen wären zu jeder Zeit willkommen. Der Weiher war nur vier Fuß tief, und da Miß Wilson viel von der körperlichen Erziehung ihrer Schülerinnen hielt, gab sie ihnen Erlaubnis zum Schlittschuhlaufen. Agatha, die sehr gewandt im Eislaufen war, schlug sofort vor, am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück sollte eine ausgewählte Abteilung hinausgehen. Handlungen, die an sich nicht verdienstlich sind, erscheinen uns oft als solche, wenn man früh aufstehen muß, um sie auszuüben, und so gaben einige Kandidatinnen der Cambridge-Prüfung, die nie einen Nachmittag einem Vergnügen geopfert hätten, sofort ihre Zustimmung. Ohne sie wäre übrigens der Plan gar nicht ausgeführt worden. Denn als sie am nächsten Morgen um halb sieben Agatha aufforderten, ihr warmes Bett zu verlassen und in die schneidende Kälte hinauszukommen, würde sie sich ohne Bedenken geweigert haben, hätte sie sich nicht vor den emsigen Mädchen geschämt, die halberfroren und hungrig dastanden und doch bereit waren, aufs Eis zu gehen. Als Agatha sich zitternd und zähneklappernd angezogen hatte, beschwichtigten sie ihr innerliches Unbehagen durch ein paar Biskuits, die sie aßen, nahmen ihre Schlittschuhe und gingen quer über die bereiften Felder an geduldigen Kühen vorbei, die ganze Wolken von Dampf ausatmeten, nach Wickens Teich. Hier fanden sie zu ihrem Erstaunen Smilasch, der sich auf elektrisch versilberten, ganz teuren Schlittschuhen mit allem Eifer in den schwierigsten Figuren übte. Es zeigte sich bald, daß sein Ehrgeiz größer war als seine Übung, denn er taumelte eine Weile wild umher, hielt sich ein paarmal mit genauer Not aufrecht und stürzte dann mit Ellbogen, Waden und Hinterkopf gleichzeitig auf das Eis. Als er sich kläglich zu einer sitzenden Stellung erhoben hatte, bemerkte er, daß acht junge Damen sein Tun mit Interesse beobachteten.

„Das kommt davon, wenn ein gewöhnlicher Mann sich über seinen Stand erhebt und die Schlittschuhe eines Gentlemans anzieht,“ sagte er. „Hätte ich mich mit einfachem Schlittern begnügt, wie es mein Vater tat, dann würde ich jetzt ein glücklicher Mann sein.“ Er erhob sich seufzend, indem er Miß Ward durch Berühren seiner Mütze grüßte. Dann zog er seine Schlittschuhe aus und fügte hinzu: „Guten Morgen, Miß. Miß Wilson schickte mir die Nachricht, ich sollte hier punkt sechs Uhr sein und den jungen Ladys die Schlittschuhe anziehen. Da erlaubte ich mir, ein paarmal über das Eis zu laufen, um mich warm zu machen.“

„Miß Wilson hat mir nichts davon gesagt, daß sie Sie hierher bestellt hat,“ bemerkte Miß Ward.

„Wie nobel von ihr! Sie denkt an alles und läßt sich doch nichts merken. Sie ist eine gütige Lady und eine studierte — grad wie Sie selbst, Miß. Setzen Sie sich auf den Feldstuhl und geben Sie mir Ihren Absatz, wenn ich so kühn sein darf, eine Schraube hineinzubohren.“