Miß Wilson, der keine treffende Antwort einfiel, bedauerte, daß sie ihn nicht kurzerhand entlassen hatte, bevor er so weit die Oberhand gewinnen konnte. Nun aber war sie in einen Wortstreit verwickelt und fand keinen Weg, ihn mit Würde zu beendigen. Er half ihr, indem er unerwartet hinzufügte:
„Ihr System war die Ursache meiner törichten Heirat. Meine Frau erhielt hier durch ihre Erziehung einen Grad von Kultur und Vernünftigkeit, daß man glaubte, sie stände über den schnatternden Plaudertaschen, die die Blüte der weiblichen Gesellschaft bilden. Ich bewunderte ihre dunklen Augen und schloß nur zu gern aus ihrer Erziehung, daß wir nicht nur eine leibliche, sondern auch eine geistige Verbindung eingehen würden.“
Miß Wilson war erstaunt und beschloß, ihm kühl zu sagen, sie habe keine Zeit mehr. Aber während sie das aussprechen wollte, überkam sie die Neugierde, und sie sagte nur: „Wer war es?“
„Henrietta Jansenius. Jetzt Henrietta Trefusis, und ich bin Sidney Trefusis, wenn ich mich Ihnen anvertrauen darf. Ich sehe, ich habe endlich Ihr Mitgefühl geweckt.“
„Unsinn!“ sagte Miß Wilson schnell, denn in ihr Erstaunen mischte sich wirklich ein Gefühl, daß er sich an Henrietta fortgeworfen habe.
„Ich lief von ihr fort und wählte diese Einsamkeit und diese Verkleidung, um ihr nicht mehr zu begegnen. Es ging mir, wie es immer geht, wenn man zu vorsichtig ist. Ich rannte gradenwegs in ihre Arme — oder vielmehr sie rannte in meine. Sie erinnern sich der Szene, die Ihnen sehr seltsam vorkam.“
„Sie scheinen Ihre Eheschließung für keine wichtige Sache zu halten, Mr. Trefusis. Darf ich Sie fragen, wer eigentlich an der Trennung Schuld hatte? Natürlich Henrietta.“
„Ich habe ihr nichts vorzuwerfen. Ich erwartete, sie würde ein heftiges Wesen haben, aber das war nicht der Fall — ihr Benehmen war tadellos. Ich betrug mich ebenso. Unser Glück war vollkommen, aber leider bin ich nicht für häusliches Glück geschaffen — jedenfalls ertrug ich es nicht lange — so floh ich, und als sie mich wiedergefunden hatte, konnte ich ihr keine Entschuldigung für meine Flucht geben. Immerhin machte ich ihr klar, daß ich unsere eheliche Verbindung jetzt noch nicht wieder aufnehmen wollte. Wir schieden nicht im besten Einvernehmen. Ich hatte die beste Absicht, ihr einen süßen Brief zu schreiben, damit sie mir trotz allem vergeben sollte, aber nun sind die Wochen dahingegangen, und ich bin noch immer bei der Absicht. Sie hat nicht mehr geschrieben und ich auch nicht. Nicht wahr, Miß Wilson, das ist ein hübscher Zustand nach allen ihren Vorzügen, die sie unter der moralischen Beeinflussung und höhern Frauenerziehung erworben hat?“
„Nach dem, was Sie selbst zugegeben haben, scheint die Schuld an Ihrer eigenen moralischen Erziehung zu liegen, nicht an der Henriettas.“
„Die Schuld liegt an den Umständen unserer Verbindung. Warum sie mich im Anfang so mächtig angezogen und nachher so entsetzlich abgestoßen hat, das ist eins von jenen Teufelsrätseln, die wir nicht entwirren können, bis wir hinter die feinsten Winkelzüge unserer geheimen Schlechtigkeit gekommen sind. Doch ich fürchte, ich nehme Ihnen Ihre Zeit. Sie wollten Smilasch sprechen, und dessen Persönlichkeit habe ich doch jetzt vernichtet. Vor der Öffentlichkeit aber muß ich diese Possen weiter treiben. Noch eins. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich für den Viehhirten interessieren, dessen Weib Sie in der Sturmnacht aufnahmen?“