„Er versicherte mir, ehe er seine Frau abholte, daß er eine gut eingerichtete Wohnung in Lyvern gefunden habe.“
„Ja. Eine wirklich sehr gut eingerichtete. Für eine halbe Krone die Woche durfte er mit zwei anderen Familien ein geräumiges Zimmer teilen in einem Hause, das schwerlich in besserem Zustande war als seine durch den Sturm zerstörte Hütte. Dieses Haus, das zehn Zimmer hat, bringt seinem Eigentümer über zweihundert Pfund im Jahr, also mehr als die Miete für ein bequemes herrschaftliches Wohnhaus in South Kensington. Es ist etwas beschwerlich, die Miete einzusammeln, aber dafür hat man auch keine Ausgaben für Reparaturen und sanitäre Einrichtungen, die man in Mietskasernen für überflüssig hält. Unser Freund muß drei Meilen bis zu seiner Arbeitsstätte gehen und drei Meilen zurück. Bewegung ist eine prächtige Sache für Studenten und Bureaumenschen, aber für einen Viehtreiber, der den ganzen Tag auf den Feldern zugebracht hat, ist ein langer Marsch nach beendeter Arbeit etwas zu viel des Guten. Er bat um eine Lohnerhöhung zum Ausgleich für den Verlust der Hütte, aber Sir John deutete ihm an, wenn er nicht mit seiner Stellung zufrieden sei, die könnte er leicht durch einen weniger anspruchsvollen Viehtreiber ausfüllen. Sir John ließ sich sogar so weit herab, zu erklären, daß er als Unternehmer durch die Gesetze der Sozialökonomie gezwungen sei, die Arbeit auf dem billigsten Markte einzukaufen, und unser armer Freund, der in ökonomischer Beziehung ebenso unwissend wie Sir John ist, wußte natürlich nicht, daß das falsch sei. Da aber die Arbeit augenblicklich überall so billig im Preis steht — Downing-Street und einige andere bevorzugte Plätze vielleicht ausgenommen — so riet ich unserm Freund, er sollte irgendwohin gehen, wo sein Marktpreis höher ist als in dem lustigen England. Er war gern bereit dazu, doch es fehlten ihm die Mittel. Darum borgte ich ihm eine Kleinigkeit, und er ist jetzt auf dem Wege nach Australien. Arbeiter sind die Gänse, die die goldenen Eier legen, aber sie fliegen manchmal davon. Ich höre einen Gong anschlagen. Das erinnert mich, wie schnell die Zeit vergeht und welchen Wert sie für Sie hat. Guten Morgen.“
Miß Wilson hatte plötzlich das Gefühl, sie dürfte ihn nicht gehen lassen, ohne an seine bessere Natur appelliert zu haben. „Mr. Trefusis,“ sagte sie, „entschuldigen Sie, aber vergessen Sie nicht in Ihrer Großmut gegen andere etwas — Ihre Pflicht gegen sich selbst? Und —“
„Es ist die erste und härteste aller Pflichten!“ erklärte er. „Ich bitte Sie um Verzeihung, weil ich Sie unterbrochen habe. Ich wollte mich nur schuldig bekennen.“
„Ich kann nicht zugeben, daß es die erste aller Pflichten ist, aber es ist manchmal vielleicht die härteste, wie Sie es nennen. Sie könnten aber viel billiger gegen sich handeln, ohne sich all diese Mühe zu geben. Wenn Sie ein niedriges Leben führen wollen, dann brauchen Sie sich doch nicht für einen ungebildeten Mann auszugeben und nicht solchen lächerlichen Namen anzunehmen. Warum in aller Welt nennen Sie sich Smilasch?“
„Ich gebe zu, daß der Name ein Fehlgriff war. Ich habe mir viele Mühe bei seiner Konstruktion gegeben, denn ich wollte einen angenehmen Eindruck machen. Smilasch sollte heiter und freundlich klingen. Statt dessen reizt es nur. Das ist sehr seltsam, aber es kommt wohl daher, weil mein Aussehen und mein Wesen so gar nicht dazu passen.“
Miß Wilson sah ihn mißtrauisch an, aber er blieb vollkommen ernst. Es entstand eine Pause. Dann sagte sie kurz: „Guten Morgen!“ als ob sie sich entschlossen hätte, beleidigt zu sein.
„Guten Morgen, Miß Wilson. Ein Millionärssohn ist wie ein Königssohn selten frei von geistigen Krankheiten. Ich bin grade verrückt genug, um die andern noch betrügen zu können. Wäre ich ein bißchen verrückter, ich würde mich vielleicht wirklich für Smilasch halten, anstatt ihn einfach darzustellen. Ob Sie mich nun bitten, meiner einen Augenblick zu vergessen oder mich einen Augenblick an mich selbst zu erinnern, ich bin der Sohn meines Vaters und kann es nicht ändern. Mit meiner Selbstsucht, meiner Quacksalberei, meiner Geschwätzigkeit und meiner Art, stets eigene Wege zu gehen, tauge ich zu keinem andern Geschäft, als den Erlöser der Menschen zu spielen — so wie sie es haben wollen.“ Nach einer eindrucksvollen Pause wandte er sich langsam um und verließ das Zimmer.
„Wenn ich jetzt absichtlich meinen Weg verliere,“ sagte er, als er über den Flur ging, „dann kann ich vielleicht den Anblick dieses Mädchens erhaschen, das wie ein goldenes Idol ist.“
Unten traf er auch auf seinem Wege zur Tür auf Agatha, die ihm entgegenkam und mit einem Buch Fangball spielte. Der melancholische Ausdruck ihres Gesichts, den sie immer hatte, wenn sie allein war, zeigte, daß sie sich nicht amüsierte, sondern nur ihrer Rastlosigkeit nachgab. Als ihr Blick dem emporfliegenden Buch folgte, sah sie plötzlich Smilasch. Das Buch flog zur Erde. Er nahm es auf und übergab es ihr, indem er sagte: