Mrs. Trefusis fand ihre Eltern so gefühllos in der Angelegenheit ihrer Ehe, daß sie kurz nach ihrem Besuch in Lyvern ihr Haus verließ und bei einer gastlichen Freundin eine Wohnung nahm. Da sie aber über das, was immerzu ihre Gedanken erfüllte, nicht schweigen konnte, so besprach sie die Flucht ihres Mannes mit dieser Freundin. Diese sagte einfach, Trefusis’ Benehmen sei schändlich und gemein. Henrietta konnte das nicht ertragen und suchte Obdach bei einer Verwandten. Hier kam es zu derselben Unterredung, und die Verwandte sagte:
„Nun, Hetty, wenn ich offen sprechen soll, ich habe Sidney Trefusis schon sehr lange gekannt, und es gibt keinen Menschen, mit dem man leichter auskommen kann. Aber du bist, wie du weißt, manchmal sehr schwer zu behandeln.“
„Also jetzt,“ schrie Henrietta und brach in Tränen aus, „nachdem er mich so schändlich behandelt hat, muß ich mir sagen lassen, ich sei selbst an allem schuld.“
Sie verließ am nächsten Tage das Haus und folgte der Einladung einer geschiedenen Frau, die den Gegenstand überhaupt nicht besprechen wollte. Das erwies sich als unerträglich, und Henrietta zog zu ihrem Onkel Daniel Jansenius, einem lustigen und nachgiebigen Mann. Er war der Ansicht, es würde schon alles wieder in Ordnung kommen, sobald beide Teile vernünftiger geworden wären. Und was die Schuldfrage anging, so lautete sein Urteil: zu sechs Teilen trüge die eine Partei die Schuld, zu einem halben Dutzend die andere. Wenn er seine Nichte grübelnd oder weinend fand, dann lachte er und nannte sie eine Strohwitwe. Henrietta fand, daß sie alles auf der Welt eher ertragen könnte als das. Sie erklärte, die Welt sei abscheulich gegen sie, und mietete eine möblierte Villa in St. Johns Wood, in die sie im Dezember einzog. Da sie aber da sehr an der Einsamkeit litt, schrieb sie bald einen überschwenglichen Brief an Agatha und lud sie ein, die kommenden Weihnachtsferien bei ihr zu verbringen. Sie versprach jeden Luxus und jedes Vergnügen, das unbegrenzte Zuneigung vorschlagen und unbegrenzte Mittel gewähren konnten. Agathas Antwort enthielt einige unerwartete Mitteilungen.
Alton-Lyvern, den 14. Dezember.
Teuerste Hetty,
ich glaube nicht, daß ich Deinen Vorschlag ganz annehmen kann, da ich Weihnachten mit Mama in Chiswick verbringen muß. Aber ich brauche erst Weihnachtsabend dorthin zu gehen, und wir brechen hier schon nächste Woche, am 20., auf. Dann fahre ich gleich zu Dir hin und bringe Dich mit zu Mama, wo wir die Feiertage viel besser verbringen werden, als wenn wir uns in einem fremden Hause langweilen. Es ist noch nicht ganz sicher, ob ich dann schon die Schule verlasse. Du mußt mir versprechen, das niemand zu erzählen, ich habe nämlich einen Freund hier — einen Liebhaber. Nicht daß ich in ihn verliebt bin, obgleich ich ihn sehr hoch schätze — du weißt, ich bin keine romantische Närrin. Aber er ist sehr in mich verliebt, und ich wollte, ich könnte das erwidern, wie er es verdient. Die Franzosen sagen, die eine Person hält die Wange hin, und die andere küßt sie. Ganz so weit ist es noch nicht zwischen uns gekommen. In Wahrheit, seit er mir seine Gefühle gestanden hat, hat er kaum ein paar flüchtige Worte mit mir sprechen können, wenn ich Schlittschuh laufen oder spazieren ging. Aber es ist wenigstens jedesmal ein vielsagendes Wort oder ein Blick gewechselt worden.
Und jetzt, wer glaubst Du, daß es ist? Er sagt, er kennt Dich. Kannst Du es erraten? Er sagt, Du wüßtest alle seine Geheimnisse. Er sagt, er kennt auch sehr gut Deinen Mann. Der hätte Dich sehr schlecht behandelt, und Du verdientest große Teilnahme. Errätst Du es jetzt? Er sagt, er hätte Dich geküßt — schäme Dich, Hetty! Hast Du es nun erraten? Er wollte mir grade noch mehr erzählen, als wir unterbrochen wurden, und ich habe ihn seitdem nur aus der Entfernung gesehen. Er ist der Mann, mit dem Du an jenem Tag davongelaufen bist, was uns alle solche Angst einflößte — Mr. Sidney. Ich war die erste, die seine Verstellung entdeckte, und an jenem selben Morgen hatte ich es ihm vorgeworfen, und er gestand es mir ein. Er sagte damals, er verberge sich vor einer Frau, die in ihn verliebt sei, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich das als wahr herausstellte, denn er ist ein prachtvoller Mensch — wirklich, ich kann ihn grade deswegen so gut leiden, weil er bei weitem der tüchtigste Mensch ist, den ich je getroffen habe. Und doch hält er gar nichts von sich selbst. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was er an mir Kostbares bemerkt, obgleich er offenbar durch meine Reize gefesselt ist. Hoffentlich entdeckt er nicht, wie närrisch ich bin. Er nennt mich sein goldenes Idol —
Henrietta riß mit einem Schrei der Wut den Brief mitten durch und trat darauf. Als der Anfall nachließ, hob sie die Stücke auf, hielt sie so genau zusammen, wie es ihre zitternden Hände erlaubten, und las weiter.
— aber er ist nicht lauter Honig und kann Dir die ernstesten Dinge sagen, wenn er glaubt, er müßte es tun. Er hat mich wegen meiner Unwissenheit so beschämt, daß ich entschlossen bin, hier noch ein Semester zu bleiben und so eifrig zu lernen, wie ich kann. Ich habe bisher noch nicht damit angefangen, weil es sich am Ende des Semesters doch nicht lohnt, aber wenn ich im Januar zurückkomme, gehe ich ernsthaft an die Arbeit. Daran kannst Du sehen, welchen guten Einfluß er auf mich ausübt. Wenn wir uns treffen, werde ich Dir alles über ihn erzählen, denn ich habe jetzt keine Zeit dazu, weil die Mädchen mich drängen, mit zum Schlittschuhlaufen zu kommen. Er gibt sich für einen Arbeiter aus und zieht uns die Schlittschuhe an, und Jane Carpenter glaubt, er sei in sie verliebt. Jane ist außerordentlich gutherzig, aber sie hat ein unbändiges Talent, sich selbst lächerlich zu machen. Das Eis ist fein und das Wetter freundlich; aus der Kälte machen wir uns gar nichts. Sie drohen mir, ohne mich zu gehen — adieu!