Deine Dich treu liebende

Agatha.

Henrietta sah sich nach einem scharfen Gegenstand um. Sie griff wütend nach einer Schere und stach damit in die Luft. Dann wurde sie sich ihres mörderischen Anfalls bewußt und erschauerte darüber, aber schon einen Augenblick später ergriff sie von neuem ihre Eifersucht. Wie erstickend schrie sie: „Es ist mir gleich, ich möchte sie töten!“ Doch sie nahm die Schere nicht wieder auf.

Schließlich klingelte sie heftig und verlangte einen Eisenbahnfahrplan. Als sie hörte, daß keiner im Hause war, zankte sie das Mädchen so unvernünftig aus, daß es einfach sagte, wenn es in einer solchen Weise angeredet würde, dann möchte es lieber am Ende des Monats gehen. Diese Zurechtweisung brachte Henrietta zur Besinnung. Sie ging die Treppe hinauf und nahm den ersten Mantel, den sie fand. Es war glücklicherweise ein schwerer Pelzmantel. Dann nahm sie ihre Geldtasche, setzte den Hut auf und verließ das Haus. Die erste Droschke, die vorbeifuhr, rief sie an und ließ sich nach St. Pancrasstation fahren.

Als die Nacht hereinbrach, war die Luft in Lyvern in der schneidenden Kälte wie scharfes Eisen. Die Bäume und der Wind schienen so fest gefroren, wie es das Wasser war, und Schweigen, Stille und Sternenlicht lagen eisig über der Landschaft. Smilasch saß in seiner Schweizerhütte und hielt unbekümmert um den Preis der Kohlen ein prasselndes Feuer im Gang, das durch die vorhanglosen Fenster glühte und die Vorübergehenden quälte, die nicht wie die Viehhirten in der Nachbarschaft wußten, daß sie ruhig hereinkommen und sich wärmen konnten, ohne daß sie von dem Bewohner eine abschlägige Antwort erhielten. Smilasch war in guter Stimmung. Er hatte sich zu einem tüchtigen Schlittschuhläufer entwickelt, und Frostwetter galt ihm jetzt als Luxus. Es gab ihm Spannkraft und verjagte seine trüben Stimmungen. Es steigerte aber auch sein Mitgefühl für die Armen zu einem grimmen Humor, wenn er dachte, daß sie kein Feuer und kein Schlittschuhlaufen hatten und sich in dem ungesunden Dunst erwärmten, den eng zusammengedrängte Menschen zu jeder Jahreszeit entwickeln.

Smilasch pflegte sich jeden Abend um halb zehn einen heißen Trank aus Hafermehl und Wasser zu machen und dann um zehn zu Bett zu gehen. Er öffnete die Türe, um etwas Wasser auszugießen, das noch vom letzten Abwaschen im Kochtopf geblieben war. Es gefror, sowie es auf den Boden fiel. Er blickte in die Nacht und schüttelte sich, um das bedrückende Gefühl loszuwerden, in dieser eisigen Umklammerung der Luft verloren zu sein. Denn das Thermometer war unter den gewohnten Stand frischer und zerspringender Kälte gesunken und zeigte eine Temperatur, in der die erstarrte Luft zu einer schwarzen Masse zu gefrieren schien. Nichts rührte sich.

„Beim Henker!“ sagte er, „das ist eine Nacht, an die man als reicher Mann gar nicht denken darf!“

Er schloß die Türe und eilte zu seinem Feuer zurück. Dort machte er sich an seinen warmen Trank, den er mit einer Sorgfalt beobachtete und umrührte, die einen Berufskoch zum Lächeln gebracht hätte. Als die Brühe fertig war, goß er sie in einen großen Krug, in dem sie verlockend dampfte. Mit einem Löffel schöpfte er etwas heraus und blies es, um es abzukühlen. Plötzlich klopfte es ein paarmal an die Türe.

„Eine hübsche Nacht für einen Spaziergang,“ sagte er und legte den Löffel hin. Dann rief er: „Herein!“

Die Klinke erhob sich unsicher, und Henrietta, mit gefrorenen Tränen auf den Wangen und einem unbestimmten Ausdruck von Elend und Zorn, trat herein. Einen Augenblick sah er sie erstaunt an. Dann sprang er nach ihr hin, nahm sie in seine Arme, und sie sank gegen ihren Willen mit stummem Widerstreben an sein Herz.