Als ich ein Knabe war, wollte unser guter Pastor einen Mann aus mir machen, indem er mich lesen und schreiben lehrte; dann wollte der Organist zu Melegnano einen Mann aus mir machen, indem er mich im Notenlesen unterwies. Später würde der rekrutierende Korporal einen Mann aus mir gemacht haben, wenn ich ein paar Zoll größer gewesen wäre, —aber immer hätte das für mich Arbeit bedeutet; dazu bin ich aber zu faul, dem Himmel sei Dank! So lernte ich statt alldem kochen und wurde Wirt, und nun halte ich Dienerschaft für die Arbeit und habe selber nichts zu tun, als zu schwatzen, was mir ausgezeichnet bekommt.
(Napoleon ihn gedankenvoll anblickend:) Bist du zufrieden?
(Giuseppe in froher Überzeugung:) Vollkommen, Exzellenz!
(Napoleon.) Und du hast keinen verzehrenden Teufel im Leibe, der Tag und Nacht mit Taten und Siegen gefüttert werden muß—der dich mit dem Schweiße deines Körpers und deines Gehirnes, mit Wochen von Herkulesarbeiten zehn Minuten des Genusses bezahlen läßt, der gleichzeitig dein Sklave und dein Tyrann ist, dein Genius und dein Verhängnis—der dir mit der einen Hand eine Krone reicht und das Ruder eines Galeerensklaven mit der andern—der dir alle Königreiche der Erde zeigt und dich zu ihrem Herrn zu machen verspricht unter der Bedingung, daß du ihr Diener wirst?—Von alledem hast du nichts im Leibe?
(Giuseppe.) Nichts dergleichen. Aber ich versichere Ihnen, Exzellenz, mein verzehrender Teufel ist weit schlimmer; er bietet mir weder Kronen noch Königreiche: er erwartet alles umsonst von mir zu bekommen—Würste, Omeletten, Trauben, Käse, Polenta, Wein—täglich dreimal, Exzellenz, nichts Geringeres will ihm genügen.
(Leutnant.) Hör' auf, Giuseppe!—Deine Worte machen mich wieder hungrig. (Giuseppe verbeugt sich, sich entschuldigend und zieht sich von dem Gespräche zurück. Er macht sich am Tische zu schaffen, staubt ihn ab, legt die Landkarte zurecht and rückt Napoleons Stuhl, den die Dame zurückgestoßen hat, wieder an seinen richtigen Platz.)
(Napoleon wendet sich zum Leutnant mit sardonischer Feierlichkeit:)
Ich hoffe, daß ich nicht ehrgeizige Gefühle in Ihnen erweckt habe.
(Leutnant.) Durchaus nicht. Ich fliege nicht so hoch,—überdies ist es besser, daß ich so bleibe wie ich bin. Männer wie ich werden gerade jetzt in der Armee gebraucht. Die Revolution paßte nämlich ganz gut für Zivilisten, aber für die Armee taugt sie nichts. Sie wissen, wie Soldaten sind, Herr General: sie bestehen darauf, Männer von Rang zu Ihren Offizieren zu haben. Ein Leutnant muß ein Edelmann sein, weil er mit den Soldaten soviel in Berührung kommt; aber ein General oder selbst ein Oberst kann aus dem schlechtesten Ausschuß entnommen werden, wenn er sein Geschäft gut genug versteht. Ein Leutnant ist ein Edelmann, alles andere ist Zufall. Was glauben Sie, wer hat die Schlacht bei Lodi gewonnen? Ich will es Ihnen sagen: mein Pferd.
(Napoleon erhebt sich:) Ihre Dummheit führt Sie zu weit,—nehmen Sie sich in acht!
(Leutnant.) Durchaus nicht. Sie erinnern sich doch an die heftige
Kanonade von einem Flußufer zum andern: die Österreicher bombardierten
Sie, um Ihren Übergang zu verhindern, und Sie bombardierten die
Österreicher, um sie davon abzuhalten, daß Sie die Brücke in Brand
setzten. Haben Sie bemerkt, wo ich während dieser Zeit gewesen bin?