(Dame.) Nein, er war Engländer.

(Napoleon.) Das erklärt alles. Die Engländer sind eine Nation von
Krämern. Nun begreife ich, warum Sie mich besiegt haben.

(Dame.) Aber, ich habe Sie nicht besiegt—und ich bin keine
Engländerin.

(Napoleon.) Doch, das sind Sie! Englisch bis in die Fingerspitzen.
Hören Sie mir zu, ich will Ihnen die Engländer erklären.

(Dame erpicht darauf, es sru hören:) Ich bitte. (Mit gespannter Miene einen intellektuellen Genuß erwartend, setzt sie sich auf das Sofa und bereitet sich vor, ihm zuzuhören. Seines Publikums sicher, rafft sich Napoleon sofort zu einer Vorstellung auf. Er überlegt ein bißchen, bevor er beginnt, um ihre Aufmerksamkeit durch eine Pause zu erhöhen. Anfangs ahmt er den Stil Talmas in Corneilles "Cinna" nach, aber in der Dunkelheit geht etwas davon verloren, und Talma macht bald Napoleon Platz, dessen Stimme mit überraschender Heftigkeit durch die Dämmerung bricht.)

(Napoleon.) Es gibt dreierlei Menschen auf Erden: die Kleinen, die Mittleren und die Großen. Die Kleinen und die Großen sind einander in einem Punkte gleich: sie haben keinerlei Skrupel, keinerlei Moral, —die Kleinen stehen tief unter der Moral, die Großen hoch über ihr. Ich fürchte sie beide nicht! Denn die Kleinen sind skrupellos, ohne Wissen—sie machen mich deshalb zu ihrem Abgott; die Großen sind ebenso skrupellos, ohne starkes Wollen, sie beugen sich deshalb vor meinem Willen. Sehen Sie: ich werde über all das niedere Volk und über all die Höfe Europas hinweggehen wie die Pflugschar über ein Ackerfeld. Die Mittelklasse aber, die ist gefährlich. Sie besitzt beides: Wissen and Wollen. Aber auch sie hat ihre schwache Seite: das Gewissen. Sie ist voller Skrupel,—an Händen and Füßen durch Moral und Ehrenhaftigkeit gefesselt.

(Dame.) Dann werden Sie die Engländer überholen; denn alle Krämer gehören zur Mittelklasse.

(Napoleon.) Nein! Denn die Engländer sind eine Rasse für sich. Kein Engländer steht zu tief, um Skrupel zu haben, und keiner hoch genug, um von ihrer Tyrannei befreit zu sein. Aber jeder Engländer kommt mit einem wunderbaren Talisman zur Welt, der ihn zum Herrn der Erde macht. Wenn der Engländer etwas will, gesteht er sich nie ein, daß er es will. Er wartet geduldig, bis in ihm—Gott weiß wie—die tiefe Überzeugung erwacht, daß es seine moralische und religiöse Pflicht sei, diejenigen zu unterwerfen, die das haben, was er will. Dann wird er unwiderstehlich. Wie der Aristokrat, tut er, was ihm gefällt, und schnappt nach dem, wonach ihn gelüstet. Wie der Krämer, verfolgt er seinen Zweck mit dem Fleiß und der Beharrlichkeit, die von starker, religiöser Überzeugung und dem tiefen Sinn für moralische Verantwortlichkeit herrühren. Er ist nie in Verlegenheit um eine wirksame, moralische Pose. Als großer Vorkämpfer der Freiheit und der nationalen Unabhängigkeit erobert er die halbe Welt, ergreift Besitz von ihr und nennt das "Kolonisation". Wenn er einen neuen Markt für seine schlechten Manchesterwaren braucht, schickt er Missionäre aus, die den Wilden das Evangelium des Friedens verkünden müssen. Die Wilden töten den Missionar; nun eilt er zu den Waffen, zur Verteidigung des Christentums, kämpft and siegt für seinen Glauben und nimmt als göttliche Belohnung den Markt in Besitz. Zur Verteidigung seiner Inselgestade nimmt er einen Schiffsgeistlichen an Bord, nagelt eine Flagge mit einem Kreuz an den Hauptmast and segelt so bis ans Ende der Welt, und bohrt in den Grund, verbrennt und zerstört alles, was ihm die Herrschaft auf dem Meere streitig macht. Er prahlt damit, daß jeder Sklave frei werde, sobald sein Fuß britischen Boden betritt; dabei verkauft er die Kinder seiner Armen, kaum daß sie sechs Jahre alt sind, an Fabrikherren und läßt sie täglich sechzehn Stunden unter der Peitsche Sklavenarbeit verrichten. Er macht zwei Revolutionen und erklärt dann im Namen des Gesetzes und der Ordnung der unsern den Krieg. Nichts ist so schlecht und nichts so gut, daß Sie es einen Engländer nicht werden vollbringen sehen, aber Sie werden einem Engländer niemals beweisen können, daß er im Unrecht ist. Denn er tut alles aus Grundsatz. Er führt Krieg aus patriotischem Grundsatz, er betrügt aus geschäftlichem Grundsatz, er macht freie Völker zu Sklaven aus reichspolitischem Grundsatz, er behandelt Euch grob aus männlichem Grundsatz, er hält treu zu seinem Könige aus loyalem Grundsatz und schlägt seinem Könige aus republikanischem Grundsatz den Kopf ab. Seine Losung ist dabei immer nur seine "Pflicht." Und er vergißt nie, daß die Nation verloren ist, die ihre Pflicht dort sucht, wo nicht ihr Vorteil zu finden ist. Er…

(Dame.) Uh! uh! uh! Halten Sie einen Augenblick inne! Ich möchte wissen, wie Sie auf Grund dieser Beobachtungen aus mir eine Engländerin machen wollen.

(Napoleon seinen rhetorischen Stil fallen lassend:) Das ist einfach genug. Sie wollten einige Briefe, die mir gehörten. Sie haben den Morgen damit verbracht, sie zu stehlen… jawohl, sie zu stehlen—durch Straßenraub. Und Sie haben den Nachmittag damit verbracht, mich darüber ins Unrecht zu setzen, indem Sie annahmen, daß ich es war, der Ihre Briefe stehlen wollte. Denn Sie haben mir einreden wollen, daß meine Gemeinheit and Selbstsucht und Ihre Güte, Ihre Ergebenheit and Ihre Selbstaufopferung an allem schuld seien. Das ist englisch!