Raina: Erzähle, erzähle! wie ist das zugegangen? [Ekstatisch:] O Mutter, Mutter, Mutter! [Sie drückt ihre Mutter auf die Ottomane nieder. Sie küssen einander leidenschaftlich.]

Katharina [mit ungestümem Enthusiasmus]: Du kannst dir nicht vorstellen, wie herrlich es ist. Eine Kavallerieattacke, denke dir nur! Er hat unseren russischen Befehlshabern Trotz geboten, er handelte ohne Kommando. Auf eigene Faust führte er einen Angriff aus, er selbst an der Spitze. Er war der erste Mann, der die feindliche Artillerie durchbrach! Stell es dir nur einmal vor, Raina, wie unsere kühnen glänzenden Bulgaren mit blitzenden Schwertern und blitzenden Augen einer Lawine gleich herniederdonnerten und die elenden Serben mit ihren geckenhaften österreichischen Offizieren wegfegten wie Spreu. Und du, du ließest Sergius ein Jahr lang warten, bis du ihm dein Jawort gabst. Oh, wenn du einen Tropfen bulgarischen Blutes in den Adern hast, wirst du ihn jetzt anbeten, wenn er zurückkommt.

Raina: Was wird ihm an meiner armseligen Anbetung liegen, nachdem ihm eine Armee von Helden zugejubelt hat! Doch einerlei. Ich bin so glücklich, so stolz! [Sie steht auf und geht heftig bewegt auf und ab.] Es beweist mir, daß alle unsere Ideen doch Wahrheit waren.

Katharina [indigniert]: Unsere Ideen Wahrheit? Was meinst du damit?

Raina: Unsere Vorstellungen von dem, was ein Mann wie Sergius einmal vollbringen würde—unsere Vorstellungen von Patriotismus, von Heldentum. Ich zweifelte manchmal, ob sie etwas anderes als Träume wären. Oh, was für ungläubige kleine Geschöpfe wir Mädchen sind! Als ich Sergius den Säbel umgürtete, sah er so edel aus. Es war Verrat von mir, da an Enttäuschungen, Demütigung oder Mißerfolg zu denken, und doch—und doch…[Rasch:] Versprich mir, daß du es ihm niemals sagen wirst.

Katharina: Verlange kein Versprechen von mir, bevor ich weiß, was ich eigentlich versprechen soll.

Raina: Nun, als er mich in seinen Armen hielt und mir in die Augen blickte, da fiel es mir ein, daß wir vielleicht unsere Vorstellungen von Heldengröße bloß deshalb haben, weil wir gar so gerne Byron und Puschkin lesen und weil wir in diesem Jahre von der Oper in Bukarest so entzückt waren. Das wirkliche Leben gleicht so selten diesen Bildern—ja niemals, soweit ich es bis dahin kannte…[reuevoll:] Denk dir nur, Mutter, ich zweifelte an ihm. Ich fragte mich, ob nicht am Ende alle seine Soldateneigenschaften und sein Heldentum sich als Einbildung erweisen würden, sobald er sich in einer wirklichen Schlacht befände. Ich hatte eine unangenehme Angst, daß er am Ende gar eine klägliche Figur inmitten all der klugen russischen Offiziere abgeben würde.

Katharina: Schämst du dich nicht—eine klägliche Figur? Die Serben haben österreichische Offiziere, die genau so klug sind wie unsere russischen, und wir haben sie trotzdem in jeder Schlacht geschlagen.

Raina [lacht und setzt sich wieder]: Jawohl! ich war bloß ein poesieloser kleiner Feigling. Nein, zu denken, daß dies alles wahr ist—daß Sergius genau so edel und kühn ist, wie er aussieht—, daß die Welt tatsächlich eine herrliche Welt für Frauen ist, die ihre Größe sehen können, und für Männer, die fähig sind, ihre Romantik darzustellen! Was für ein Glück, was für unaussprechliche Erfüllungen—ach! [Sie wirft sich neben ihrer Mutter auf die Knie und umschlingt sie leidenschaftlich mit den Armen.]

[Sie werden durch den Eintritt Loukas unterbrochen, eines hübschen stolzen Mädchens in der hübschen bulgarischen Bauerntracbt mit Klappschürze. Sie benimmt sich so keck, daß ihr dienstliches Verhalten gegen Raina beinahe unverschämt aussieht; vor Katharina fürchtet sie sich, aber selbst mit ihr geht sie so weit, wie sie's nur immer wagen zu dürfen glaubt. Sie ist jetzt ebenso aufgeregt wie die anderen, aber sie sympathisiert nicht mit Rainas Begeisterung und blickt verachtungsvoll auf die Verzückung der beiden, bevor sie sie anredet.]