Raina: Erinnern Sie sich an das erstemal?
Bluntschli: Ich? nein. War ich denn zugegen?
Raina: Jawohl! Und ich sagte dem russischen Offizier, der nach Ihnen suchte, daß Sie nicht zugegen wären.
Bluntschli: Bei Gott, das ist wahr, ich hätte mich daran erinnern sollen.
Raina [sehr ermutigt]: Ah, ich begreife, daß SIE das vergessen haben; Sie hat es ja nichts gekostet, aber mich kostete es eine Lüge—eine Lüge! [Sie setzt sich auf die Ottomane und blickt starr vor sich hin, die Hände über das Knie gekreuzt. Bluntschli nähert sich ihr sehr ergriffen und setzt sich mit ganz besonders beruhigender und rücksichtsvoller Gebärde neben sie.]
Bluntschli: Verehrtes gnädiges Fräulein, machen Sie sich darüber keine Gedanken! Bedenken Sie, ich bin Soldat! Nun welches sind die beiden Dinge, die einem Soldaten so oft passieren, daß er schon gar nicht mehr darauf achtet? Daß er Leute Lügen erzählen hört, ist das eine. [Raina fährt zurück.] Das andere, daß ihm auf alle mögliche Art und Weise von allen möglichen Leuten das Leben gerettet wird.
Raina [protestiert entrüstet und erhebt sich]: Und so wird er ein undankbares, treuloses Geschöpf.
Bluntschli [ein saures Gesicht schneidend]: Lieben Sie Dankbarkeit?
Ich nicht. Wenn Mitleid mit der Liebe blutsverwandt ist, so ist die
Dankbarkeit verwandt mit dem Gegenteil.
Raina: Dankbarkeit! [Sich nach ihm umwendend]: Wenn Sie nicht dankbar sein können, dann sind Sie überhaupt jeder edlen Regung unfähig—selbst Tiere sind dankbar! Oh, jetzt weiß ich genau, was Sie über mich denken! Sie waren nicht überrascht, mich lügen zu hören, Sie waren überzeugt, daß ich das täglich, ja stündlich täte! So denken Männer über Frauen. [Sie geht im Zimmer melodramatisch umher.]
Bluntschli [mißtrauisch]: Nicht so ganz ohne Berechtigung. Sie behaupten, daß Sie in Ihrem ganzen Leben bloß zweimal gelogen haben! Verehrtes Fräulein, ist das nicht gar zu wenig?! Ich bin ein recht wahrheitsliebender Kerl; aber bei mir würde das nicht für einen einzigen Vormittag reichen.