Der Flüchtling [schlau]: Und wenn ich Sie nicht erschieße, was wird dann geschehen? Eine Rotte Ihrer Kavallerie—das elendeste Gesindel Ihrer Armee—wird in dieses Ihr hübsches Zimmer einbrechen und mich wie ein Schwein abschlachten. Denn ich werde mich wehren und fechten wie ein Teufel. Sie sollen mich nicht auf die Straße bekommen und sich an mir belustigen; ich weiß, wozu sie imstande sind. Sind Sie bereit, in Ihrer augenblicklichen Verfassung, in dieser Toilette, eine solche Gesellschaft zu empfangen?
[Raina besinnt sich in dem Moment auf ihr Nachtgewand, schreckt instinktiv zusammen und zieht es enger um den Leib. Er beobachtet sie und fügt ohne Erbarmen hinzu]: Kaum präsentabel, was? [Sie geht nach der Ottomane, er richtet augenblicklich seine Pistole auf sie und ruft]: Halt! [Sie bleibt stehen.] Wohin wollen Sie? Raina [mit würdevoller Geduld]: Ich will nur meinen Mantel holen. Der Flüchtling [geht rasch nach der Ottomane und reißt den Pelz an sich]: Ein guter Gedanke. Nein, den Mantel behalte ich; dann werden Sie dafür sorgen, daß niemand hier eindringt und Sie so sieht. Das ist eine bessere Waffe als mein Revolver. [Er wirft den Revolver auf die Ottomane.]
Raina [empört]: Es ist nicht die Waffe eines Gentleman!
Der Flüchtling: Gut genug für einen Mann, wenn zwischen ihm und dem Tod nur Sie stehen. [Während sie einander nun einen Augenblick stumm betrachten, in welchem Raina kaum zu glauben vermag, daß selbst ein serbischer Offizier so zynisch und selbstsüchtig und unritterlich sein könne, werden sie durch ein scharfes Gewehrfeuer in der Straße aufgeschreckt. Furchtbare Todesangst läßt den Flüchtling seine Stimme dämpfen, als er hinzufügt]: Hören Sie? Wenn Sie diese Halunken schon hereinlassen und auf mich hetzen wollen, so werden Sie sie wenigstens empfangen, so wie Sie da sind. [Raina begegnet seinen Blicken mit unerschrockener Verachtung. Plötzlich fährt er horchend auf; man hört Schritte von außen, jemand drückt auf die Klinke und klopft dann hastig und dringend. Raina sieht den Flüchtling atemlos an, er wirft entschlossen den Kopf zurück, mit der Bewegung eines Menschen, der nun weiß, daß er verloren ist, und indem er sein Benehmen, das Raina einschüchtern sollte, aufgibt, wirft er ihr den Mantel zu und ruft aufrichtig und artig]: Es ist umsonst, ich bin verloren! Schnell, hüllen Sie sich in den Mantel, sie kommen!
Raina [fängt den Mantel hastig auf]: Oh—ich danke! [Sie wirft den Mantel sehr erleichtert um, er zieht seinen Degen und wendet sich nach der Tür und wartet.]
Louka [von außen klopfend]: Gnädiges Fräulein! gnädiges Fräulein!
Stehen Sie schnell auf und öffnen Sie die Tür!
Raina [ängstlich]: Was wollen Sie tun?
Der Flüchtling [grimmig]: Das ist jetzt einerlei, gehen Sie nur aus dem Weg, es wird nicht lange dauern.
Raina [impulsiv]: Ich will Ihnen helfen! Verstecken Sie sich, oh, verstecken Sie sich, schnell hinter diesen Vorhang. [Sie faßt ihn bei einem zerrissenen Zipfel seines Ärmels und zieht ihn nach dem Fenster.]
Der Flüchtling [ihr nachgehend]: Es ist noch ein Funken Hoffnung vorhanden, wenn Sie Ihre Geistesgegenwart bewahren. Merken Sie sich: von zehn Soldaten sind neun geborene Dummköpfe. [Er versteckt sich hinter dem Vorhang, sieht aber noch einmal heraus und sagt:] Wenn sie mich dennoch finden, so verspreche ich Ihnen einen Teufelskampf. [Er verschwindet. Raina nimmt den Mantel ab und wirft ihn an das Fußende des Bettes, dann öffnet sie mit schläfrigem, verstörtem Wesen die Tür. Louka tritt aufgeregt ein.]