Louka [heimlich zu Raina]: Wenn Sie die Läden offen haben wollen, stoßen Sie nur ein wenig—so! [Sie stößt ein wenig gegen die Läden, die Läden gehen auf, dann schließt sie sie wieder.] Der eine müßte unten verriegelt werden, aber der Riegel ist abgebrochen.
Raina [würdevoll, mißbilligend]: Danke, Louka, aber wir müssen tun, was uns befohlen wird. [Louka schneidet ein Gesicht.] Gute Nacht!
Louka [nachlässig]: Gute Nacht. [Sie stolziert ab.]
Raina [allein gelassen, gebt nach der Kommode und betet das darauf befindliche Bild mit Empfindungen an, die über jeden Ausdruck sind. Sie küßt es weder, noch preßt sie es ans Herz, noch gibt sie ihm irgendein Zeichen von körperlicher Zärtlichkeit, aber sie nimmt es in die Hände und hebt es empor, wie eine Priesterin.—Das Bild betrachtend]: Oh, ich werde mich nie mehr deiner unwert zeigen. Held meiner Seele—nie, nie, nie! [Sie setzt das Bild ehrfürchtig zurück, dann wählt sie einen Roman aus dem kleinen Bücherstoß. Verträumt blättert sie darin, findet, wo sie stehen geblieben ist, biegt das Buch an dieser Stelle nach außen zusammen, und mit einem glücklichen Seufzer sinkt sie auf das Bett, um sich in den Schlaf zu lesen. Bevor sie sich jedoch ihrem Roman überläßt, blickt sie noch einmal auf, gedenkt der seligen Wirklichkeit und murmelt]: Mein Held! mein Held! [Ein entfernter Schuß durchbricht draußen die Stille der Nacht. Sie fährt horchend auf,—da fallen noch zwei Schüsse aus viel größerer Nähe. Sie erschrickt, stürzt aus dem Bett und bläst die Kerze auf der Kommode rasch aus. Dann läuft sie, mit den Händen an den Ohren, zum Toilettetisch, bläst die Kerze auch dort aus und eilt im Dunkeln in ihr Bett zurück, man unterscheidet nichts mehr in der Stube als einen Lichtschimmer aus der durchbrochenen Metallkugel vor dem Christusbilde und das Sternenlicht, das durch die Spalten der Fensterläden glänzt. Abermals fallen Schüsse, ein fürchterliches Gewehrfeuer ist ganz nahe. Während man noch das Echo der Salve hört, werden die Fensterläden von außen aufgestoßen, für einen Augenblick flutet in einem Rechteck das schneeige Sternenlicht plötzlich herein, von dem sich die dunkle Silhouette einer männlichen Gestalt abhebt. Dann schließen sich die Läden wieder, und das Zimmer liegt abermals im Dunkeln. Aber jetzt wird das Schweigen durch ein keuchendes Atemholen unterbrochen, dann hört man ein Kratzen, und die Flamme eines Streichholzes wird in der Mitte des Zimmers sichtbar.]
Raina [aufs Bett gekauert]: Wer ist da? [Das Streichholz verlischt sofort wieder.] Wer ist da—wer ist da?
[Eines Mannes Stimme gedämpft aber drohend]: Scht! Schreien Sie nicht, sonst schieße ich! Bleiben Sie ruhig, und es wird Ihnen nichts geschehen. [Man hört, wie sie ihr Bett verläßt und nach der Tür tastet.] Nehmen Sie sich in acht, es hilft Ihnen nichts, wenn Sie davonlaufen wollen. Merken Sie sich, sobald Sie Ihre Stimme erheben, wird mein Revolver losgehen. [Befehlend:] Machen Sie Licht und lassen Sie sich sehen! Hören Sie! [Noch ein Augenblick der Stille und Dunkelheit, während Raina an den Toilettetisch zurücktritt. Dann zündet sie die Kerze an, und das Rätsel löst sich.—Ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren, in bejammernswürdigem Zustande, mit Kot, Blut und Schnee bespritzt, steht vor ihr. Sein Degengehänge und der Riemen seiner Revolvertasche halten die Fetzen des blauen Waffenrocks eines serbischen Artillerieoffiziers zusammen. Alles was man beim Kerzenlichte aus dem ungewaschenen, verwahrlosten Aussehen des Mannes halbwegs erkennen kann, ist, daß er mittelgroß, von nicht sehr vornehmem Aussehen, breitschultrig und starkknochig ist. Sein rundlicher, eigensinnig aussehender Kopf ist mit kurzen braunen Locken bedeckt. Er hat klare, bewegliche, blaue Augen, gutmütige Brauen und einen freundlichen Mund, eine hoffnungslos prosaische Nase wie die eines besonders aufgeweckten Babys, aufrechte soldatische Haltung und eine energische Art; er besitzt volle Geistesgegenwart trotz seiner verzweifelten Lage, die er sogar mit einem Anflug von Humor betrachtet, ohne jedoch im geringsten damit spielen zu wollen oder eine Rettungsmöglichkeit außer Acht zu lasten.—Er überlegt, was er von Raina zu erwarten haben mag, schätzt ihr Alter, ihre gesellschaftliche Stellung ab, ihren Charakter, den Grad ihrer Furcht, alles mit einem Blick, und fährt höflicher, aber immer äußerst entschlossen fort]: Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, aber Sie erkennen wahrscheinlich meine Uniform, ich bin Serbe! Wenn ich gefangen werde, wird man mich töten. [Drohend]: Begreifen Sie das?
Raina: Ja.
Der Flüchtling: Nun, ich habe keine Lust zu sterben, solange ich es verhindern kann. [Noch fürchterlicher]: Begreifen Sie das? [Er verschließt die Tür mit einem kurzen Schnappen des Schlosses.]
Raina [verachtungsvoll]: Es scheint, Sie haben keine. [Sie richtet sich stolz auf und blickt ihm gerade ins Gesicht, während sie mit scharfer Betonung spricht]: Es gibt Soldaten, die den Tod fürchten, das weiß ich.
Der Flüchtling [mit Galgenhumor]: Alle fürchten ihn, verehrte Dame, alle, glauben Sie mir. Es ist unsere Pflicht, so lange zu leben, wie wir nur können, und wenn Sie Lärm schlagen-Raina [ihn unterbrechend]: Dann werden Sie mich erschießen! Aber woher wissen Sie, daß ich den Tod fürchte?