In Beziehung auf malerische Wirkung ist dies geritzte Blatt unstreitig die gelungenste von Dürer’s Arbeiten auf Kupfer. Die wenigen bis auf uns gekommenen Abdrücke von voller Kraft und Klarheit haben ein Helldunkel, welches von Rembrandt in seinen schönsten Radirungen nicht übertroffen ist, ihm aber entschieden zum Vorbilde gedient hat.
Von diesem köstlichen Blatte sind zwei Probedrücke erhalten, ehe Dürer das Monogramm nachgefügt hatte. Der eine davon ist in Wien in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht, der andere im Print-room des British Museum, früher bei Verstolck im Haag. Dieser letztere ist auf Papier mit dem Wasserzeichen der hohen Krone und bestätigt meine in der Einleitung ausgesprochene Ansicht, daß Dürer um 1512 zu den größeren Blättern nicht mehr das Ochsenkopfpapier zu verwenden pflegte. — Auch bei den besten der übrigen Abdrücke findet man Papier mit der hohen Krone. Die vollkommen schönen Abdrücke lassen sich zählen und sind doch nicht frei von fleckenartigen unklaren Stellen. — Der schönste von allen ist wohl der zweite Abdruck mit dem Monogramm in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien, von den in Deutschland in Privathänden befindlichen, ist derjenige am berühmtesten, welcher die reiche und ausgewählte Dürer-Sammlung des Herrn Cornill d’Orville in Frankfurt a.M. ziert. —
Spätere Abdrücke kommen vor auf Papier mit den Wasserzeichen zweier Thürme mit Mauer, Nr. 14, und des Wappens der Stadt Schrobenhausen, Nr. 15. Bei diesen sieht man unten in der Mitte des Vorgrundes die Spuren eines runden Loches, welches in die Platte geschlagen ist. Die Bemerkung des Herrn Dr. Nagler[13]: daß in den späteren Abdrücken das Crucifix und die Jahrszahl ganz ausgedruckt seien, trifft nicht allgemein zu, denn es giebt ganz späte Abdrücke, bei denen beides sichtbar, die Jahrszahl aber vollkommen deutlich ist.
B. 60. Der heilige Hieronymus in der Zelle. 1514.
Dieser Stich, von Dürer in seinem Tagebuche »Hieronymus im Gehaiß«, »der sitzende Hieronymus«, auch »St. Hieronymus in Kupffer« benannt, ist eines der verbreitetsten der größeren Blätter unsere Meisters und die sehr sorgfältig gearbeitete Platte hat eine große Menge Abdrücke gegeben. Die älteren davon sind sehr malerisch, zuweilen etwas voll in Farbe, wodurch indeß das schöne Helldunkel dieses Stiches gehoben wird. Die weit häufigeren späteren Abdrücke findet man oft noch recht klar und rein, jedoch die Wirkung der früheren keinesweges erreichend.
Der Masse der Papiers und der Entfernung seiner Drathstriche nach, sind die alten Drucke auf solchem mit dem Wasserzeichen der hohen Krone abgezogen; das Zeichen selbst habe ich indeß bis jetzt in keinem Abdruck auffinden können. Das Blatt ist aber geringer in Höhe, wie manche der anderen, und mag daher wohl das Wasserzeichen mit dem Papierrande weggefallen sein. Nur ein einziger, aber augenscheinlich späterer Abdruck ist mir mit dem Wasserzeichen des Kruges vorgekommen.
B. 61. Der büssende heilige Hieronymus.
Heller nimmt an, daß Dürer dieses schöne Blatt schon vor 1500 gestochen habe, doch möchte ich — obgleich dasselbe nicht ganz frei von der früheren conventionellen Behandlung des Erdbodens im Vorgrunde ist — wegen der Durchbildung der Landschaft der Meinung sein, daß es den ersten Jahren nach der Italienischen Reise angehören wird.
Die Platte ist übrigens in früheren Zeiten wenig abgedruckt. Exemplare auf Ochsenkopf- oder Kronenpapier habe ich nie angetroffen, nur ein Paar mit dem alten Papierzeichen des gothischen P. Dürer hat keine Abdrücke davon, zu Geschenken oder zum Verkauf, auf die Niederländische Reise mitgenommen, wenigstens geschieht dieses großen Blattes nirgends im Tagebuche Erwähnung, dagegen findet man die prachtvollsten Abdrücke auf den späteren Papieren mit den durch eine Mauer verbundenen Thürmen, Nr. 8, oder dem Reichsapfel mit Stern, Nr. 5. Selbst Abdrücke mit dem Wasserzeichen des Augsburger Wappens, Nr. 18, sind noch recht schön.
Den älteren Sammlern scheint übrigens dieses Blatt für ihre Klebebücher zu hoch gewesen zu sein, wenigstens findet man mehrfach, auch in öffentlichen Sammlungen, Abdrücke, wo das weiße Papier oben bis an die Spitze der Tannenbäume 4 Linien breit abgeschnitten ist.