Wir ruderten hinüber zum „Kirchturm“. In der Bai stand ein kleines leuchtendes Segel, das war Jean Louis. Immer war der Meerkönig der erste. Es sah aus, als ob es da draußen eine Handvoll Wind gäbe und so zogen wir das Großsegel auf. L’honneur, Petitjean und ich. Ho-hupp, langsam stieg das schwere Tuch in die Höhe und wir lagen mit dem Rücken auf dem Verdeck. Dann spannten sich L’honneur und Petitjean im Nachen vor den „Kirchturm“, ich lehnte mit dem Rücken gegen den Mast und handhabte das fünf Meter lange Ruder — es federte, meine Arme wurden eisenhart — und der massige „Kirchturm“ kroch langsam dahin. Das Großsegel hing schlaff wie ein Gehenkter und zappelte zuweilen ein wenig, das war alles. Kein Wind.
Die Bai war glatt wie Öl. Wo sonst die Brandung wirbelte, kräuselte und wölbte sich das Meer nur ein wenig. Die Klippen blühten wie Kirschbäume in der Sonne und weit draußen schimmerten sie wie Perlmutter. Milchige, sonnendurchtränkte Nebelstreifen schwebten langsam über die Insel, einer hinter dem andern. Ein kleiner Frachtdampfer winselte fern und dann und wann erhob auch Creach auf Minuten sein Gebrüll.
Wir hatten die Bai hinter uns und waren auf dem Meer. Die Matrosen stiegen an Bord und die Arbeit begann. Wir machten die Reusen zurecht. Das waren Weidenkörbe in der Form großer Fliegengläser. Sie hatten nur oben einen Eingang. In der Mitte wurde ein Fisch befestigt, ein halbverfaulter lascher Fisch, dessen Augen schon grau waren, Steine waren am Boden festgebunden. Die Körbe waren schwer und das Blut hämmerte in meinen Schläfen, als ich sie zusammen mit L’honneur über Bord warf. Eine perlende Schaumkrone stieg auf wo sie auffielen, dann sanken sie auf den Grund des Meeres hinab. Sie waren mit langen Stricken versehen, die am Ende Bündel von Korkstücken trugen, damit man sie wieder heraufziehen konnte.
Die Arbeit war getan und wir hatten gute sechs Stunden Zeit.
Der mousse hatte unterdessen Kaffee gekocht und wir saßen rings im Kreise auf dem Deck und tranken ihn aus einem Blechtopf, der Jahresringe von Schmutz, Wein, Kaffee und Kognak hatte. Ich streckte mich in der Sonne aus und bot ihr Arme und Gesicht und die nackten Füße dar. Und ich fühlte, daß ich in der Hitze aufging wie das Brot im Ofen. Das Meer war glatt und durchsichtig wie Eis, mit einem weißlichgrünen Riß da und dort in der Tiefe. Zuweilen kräuselte es sich wie Hautfalten und steuerbord zog in der Ferne eine glitzernde Straße vorbei, wie Myriaden kleiner, rascher Fische. Die Möwen schwirrten und Trüppchen von Meerschwalben zogen dahin.
Triii — triii —
Döi — döi — gullugullu gullu — döi.
Eine dreieckige Flosse tauchte auf und etwas atmete, genau wie die Luftbremse einer elektrischen Tram, und strich rasch dahin, gute vier Meter lang. Ein „souffleur“. Er schwamm rasch, atmete noch zweimal, dreimal und war verschwunden. Die Insel lag in der Ferne, wie ein graues schuppengepanzertes Tier, das schreckliche Gebiß lauernd halb unter Wasser, einen Stachel auf der Nase. Sie sah unbewohnt aus, und wem hätte es auch einfallen sollen, auf diesem unwirtlichen Steinhaufen zu wohnen? Ein Nebelstreifen näherte sich Creach, verhüllte ihn, und Creach brüllte, während hier außen die hellste Sonne schien. Der Nebelstreifen kroch näher und hüllte den „Kirchturm“ ein. Nebelschnüre zogen vorüber und hängten sich in Kleider und Haare, so daß alle aussahen, als gingen sie in Rauch auf. Ein Dampfer tutete, mächtig und ruhig, wie nur ein großes Postschiff tutet, das keine Angst hat und um freie Fahrt ersucht. Er kam näher und wir griffen zu den Rudern, denn man konnte nicht wissen, woher er kam. Da erschien er wie ein riesiges Gespenst im Nebel, mit all seinen Masten, Rahen, Kaminen, Verdecken. Es war ein P.- und O.-Steamer. In diesem Augenblick schlüpfte der Nebel hinweg und der Dampfer zog leuchtend und glänzend an uns in nächster Nähe vorbei.
Auf dem Verdeck standen Gruppen von Mädchen mit wehenden Schleiern. Augenblicklich begann L’honneur die Mundharmonika zu spielen. Sie schrien und quiekten und ihre weißen Taschentücher flatterten. Hiiii! Wollt ihr Fische haben? L’honneur hielt einen Fisch in die Höhe und warf ihn dem Dampfer entgegen. Hiii! schrien die Mädchen. Dann spielte L’honneur, der ein Allerweltskerl war: God save the queen. Hi—hi—hiii! schrien sie. Der „Kirchturm“ kam ins Schaukeln.
„L’honneur!“ sagte L’honneur. „Wenn wir sie doch hier hätten! Ah! Für jeden eine und für mich zwei junge Witwen!“ Und er blickte dem davonstreichenden Dampfer mit hellen, wilden Augen nach. Dann machte er eine instinktive, unglaublich komische Bewegung und wir starben vor Lachen.