Ein paar Schritte entfernt standen die beiden Hammel Rosseherres, schwarz wie Teufel. Der Wind spielte in ihrer Wolle. Stundenlang konnten sie ohne sich zu bewegen uns Wundertiere wie hypnotisiert anstarren und die helle Angst und Ehrfurcht blendete aus ihren schwarzgeschlitzten Bernsteinaugen. Zuweilen schnupperten sie mit ihren sanften süffisanten Kamelsschnauzen und wichen scheu zurück, denn sie fürchteten sich vor allem, dem Wind, den Insekten und selbst vor Dingen, die wir Menschen nicht sehen. Wenn Poupoul sich nur streckte oder gähnte, so rannten sie rasend vor Schrecken um ihren Pflock herum. Gewiß erschien er ihnen wie ein schrecklicher, haushoher Bär, der sie mit Haut und Haar verschlingen konnte, ohne im geringsten satt zu sein. Dann standen sie wieder auf ihren dünnen eleganten Beinchen, auf den Zehen sozusagen, und sahen uns ängstlich und neugierig an.

Auf dem Meere zog ein Dampfer. Winzige Flaggen kletterten an seinen Tauen in die Höhe, er sprach mit unserem Semaphor. Ich machte die Augen scharf und spähte hinaus: da ruderte ein Fischer verzweifelt in seinem kleinen Kahn um nicht zerschmettert zu werden. Nein, es war eine schwarze Klippe, nichts sonst, immer wieder konnte ich mich täuschen. Die Wogen wanderten vorüber, endlos, immer andere, immer die gleichen. Aus dem Meer hob sich eine weiße Tatze und schlug nach den Klippen.

Es war warm, die Insekten summten. In den letzten Tagen waren vor Sturmvilla kleine Blumen aufgeblüht, die ich noch nirgends gesehen hatte. Sie sahen aus wie winzige gedrehte Wachskerzen, rundherum liefen kleine Blüten, wächserne Glöckchen. Wir hatten es gut hier, und wie herrlich blau der Rauch meiner Pfeife war!

Rosseherre schwang ihre Holzschuhe an den Zehen und sang halblaut. Es klang wie das feine Weinen des Windes und zuweilen wie das Piepen der kleinen Vögel, die auf der Insel lebten und nur leise und schüchtern sangen, als sei es nicht der Mühe wert.

„Willst du mir nicht sagen, was du singst, Rosseherre?“

Rosseherre dachte lange nach, dann sang sie halblaut und rasch Strophe um Strophe, erst Bretonisch und dann Französisch. Sie zögerte: „O, das kann man nicht auf französisch sagen, es hört sich wie nichts an.“

„Was ist es?“

„Es ist ein Fischermädchen, das ins Kloster nach Quimper kommt. Der Fischer besucht sie und klopft ans Fenster. Mach auf, mach auf! sagt er, blick heraus. Du brauchst nur die Hand zu öffnen und ich lege einen Apfel und eine Birne hinein.“

Sie wußte ein kleines trauriges Lied, das sie oft sang, und ich vergaß es nicht wieder. Es braucht nur ein leiser Wind zu wehen und ich höre dieses Lied in den Ohren. Denn das Lied und der Wind, das ist ein und dasselbe. Ein Mädchen will einen Fischer heiraten, aber die Frauen sagen: Tu es nicht. Nichts als Kummer wirst du haben, Kind, dann stirbt er und du bist allein. — Vielleicht nicht, sagt sie und nimmt ihn. Der Fischer zieht fort nach St. Pierre zum Stockfischfang, auf viele Monate. Nun kommt eine Nacht, eijo, wie wild und dunkel sie ist! Plötzlich pocht es ans Fenster der Fischerfrau. Mach auf, ich bin’s, dein geliebter Mann. Sie öffnet das Fenster. Da steht er und auf der Hand trägt er sein Herz. Sie schreit und klagt und läuft zu den. Nachbarn: Mein geliebter Mann ist tot.

„Ist er auch wirklich tot gewesen, glaubst du?“