Rosseherre schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte sie und blickte mit offenem Mund zum Himmel empor. „Einmal, glaube ich, habe ich Lutins gesehen, drei Stück, die nebeneinander hockten und mir Gesichter schnitten. Aber ich muß mich wohl versehen haben. Denn es gibt keine Lutins mehr. Die Priester sind gekommen und haben Weihwasser über die Felsen gesprengt, da sind die Lutins aufs Meer hinausgefahren, ganze Schwärme. Nur einen Geist gibt es noch auf der Insel, das ist Poupon, der Mörder.“
Rosseherre nickte. „Ja,“ sagte sie ernsthaft, „er haust in der tiefen Schlucht, du gehst jeden Tag vorüber. Wenn das Meer wild ist, so kannst du ihn heulen hören. Hüte dich vor ihm!“
„Hüte dich?“
„Ja. Niemand geht hier vorüber. Denn Poupon hat einen bösen Charakter. Schon viele hat er hinuntergerissen. Alle machen einen Bogen. Poupon, ja, er war ein Fischer und hatte eine junge Frau. Einmal fuhr er nach der großen Erde hinüber und da kamen große Stürme und er mußte drei Wochen warten. Dann kam er zurück. Und ein Lutin setzte sich auf sein Ohr und sagte immerfort: Es war einer hier. Seine Frau setzte die Fischsuppe auf den Tisch und klopfte ihm auf die Backe, aber er stieß sie zurück und sagte: Wer war hier? Sie sagte: Keiner! und weinte.
Poupon aber wurde immer wütender; und nichts ist schrecklicher als ein Fischer, der eifersüchtig ist. Frau! sagte er, wenn es so abgeht, so werde ich sagen: Frau, ich verzeihe dir. Aber wenn es nicht so abgeht, so werde ich sagen: Schmutzige Kuh! und werde dich töten. Sie sollte aber ein Kind bekommen und Poupon erstach sie. Er kam mit einem blutigen Messer ins Dorf und tanzte vor den Häusern, und die Leute fürchteten sich. Dann, ja, dann lief er über die Heide nach Stiff, wo die Klippen so hoch sind wie zwei Kirchtürme, und stürzte sich hinab. Aber das Meer wollte ihn nicht und warf ihn zurück. Da rannte er rund um die Insel und schrie so furchtbar, daß alle es hörten und die Türen aufmachten. Er stürzte sich dort in der Schlucht ins Meer, aber das Meer nahm ihn nicht. Seitdem haust er in der Schlucht. Und sobald der Sturm kommt, stürzt er sich ins Meer und heult lauter als der Sturm, aber das Meer nimmt ihn nicht. Er kann nicht sterben.“
Nun wußte ich auch, weshalb Rosseherre stets einen großen Bogen beschrieb, sobald sie sich Poupons Schlucht näherte.
„Weshalb kann er aber nicht sterben?“ fragte ich und stellte mich dumm.
Rosseherre brach in das heiterste Lachen aus. „Weil die Frau unschuldig war! Der Lutin hatte ihn belogen. Traue nie einem Lutin, das sind schlechte Wesen.“ —
Ich ging ins Dorf und ließ mir all die Herrlichkeiten an Schultertüchern vorlegen, die Noel besaß. Ich wählte ein blauseidenes Tuch mit grellroten Rosen in den Ecken. In Noels Laden traf ich mit Martina zusammen. Sie rief mich später vor Noels Haus an, ich wollte vorübergehen.