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Diese Woge war die größte und schönste, die ich hier außen sah. Schon von weitem sah ich sie herankommen. Sie riß sich ihre Bahn durch all die wandernden Schaumkämme, ihr Gischt flog vor ihr einher und sie brauste und zischte wie eine Schnellzugslokomotive. So groß und ungestüm war sie, daß sie sich inmitten der andern Wogen ausnahm wie die rasende Wildsau unter den Frischlingen. Dann prallte die ungeheure Wassermasse gegen die Klippen, sie bebte zornig von oben bis unten, schwoll an und bäumte sich auf. Sie wurde lang wie fünf Häuser und hoch wie ein zweistöckiges Haus und die Wogen ringsum sahen winzig aus. Sie war schwarzgrün, aber als sie anschwoll, wurde sie grün wie Flaschenglas. Darüber bebte eine Kuppe von Türkis und auf dieser Kuppe saß ein Schmelz von gelbem Bernstein, von der Sonne durchleuchtet, und darüber ein Diadem aus schneeweißem Schaum, über der ganzen Woge aber schwebte ein breiter Schleier von Dunst, eine Wand von Dunst, in der die Farben des Regenbogens schillerten. So stand sie. Wir waren zehn Schritte von ihr entfernt und ich betrachtete erstaunt und erschreckt dieses wilde schöne Tier, das das Meer geboren hatte. Nun aber — kam sie herab!
„Hallo! Jean Louis!“
Der Meerkönig war gerade dabei das Segel zu wechseln. Er hatte es losgebunden und hielt die Leine in der Hand. Da erblickte er die Woge, die bebte und funkelte und sich vornüber neigte, getigert mit weißen Gischtstreifen, die fächerförmig herunterschossen. Er lachte idiotisch: hü-hü-hü, und hielt die Leine des Segels mit beiden Händen fest, wie die Zügel eines Pferdes, das durchgehen will. Er stemmte die Holzschuhe gegen die Bank und sein Gesicht verzerrte sich vor verzweifelter Anstrengung. Das Segel spannte sich zum Zerplatzen infolge des ungeheuren Luftdrucks, der vor der stürzenden Wassermasse herfegte.
Die Woge donnerte und brüllte, das Boot flog in die Höhe, erst langsam, dann mit jähem Ruck, und der Meerkönig verschwand in einem Schneegestöber. Hühühü! Ein dicker Wasserstrahl fuhr wie eine Rakete zischend über das Boot empor. Ich blickte durch den Riß eines grünen Fensters weit übers Meer, bis zum Horizont: dort zog in aller Ruhe ein Dampfer mit zwei braunen Kaminen und qualmte. Er fuhr gegen Südwesten. Habana, St. Thomas, Para, Rio Janeiro, Valparaiso? Glückliche Reise! Da bekam ich einen Hieb über die Augen.
Wir schöpften das Wasser aus. Vorwärts! Fort! Der Meerkönig sah totenbleich aus und ich fühlte plötzlich genau die Stelle, wo mein Herz sitzt: denn es war stillgestanden.
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Nun blieb uns nur noch übrig den Strom zu durchqueren, der den Eintritt der Bai durchschnitt. Zur Zeit der Ebbe war es nicht leicht, zur Zeit der Flut für ein kleines Boot unmöglich. Es kam vor, daß man fünf Minuten zu spät kam und dann drei, vier Stunden warten mußte, bis sich die Wut des Stromes gelegt hatte. Einmal fuhr ein Kutter vom Hafen heraus, prächtiger Wind, aber gerade mitten im Strom hörte der Wind auf und der Kutter wurde in die Klippen getrieben und zerschellte. Die Mannschaft wurde zerfetzt, so daß man sie nur noch an den Kleidern erkennen konnte; einem Matrosen fehlte der Kopf.
Wie ein Heer von kolossalen Walfischen, das auf der Flucht war, schoß der Strom dahin. Wir ritten darüber hinweg und fuhren in die Bai ein. Ich saß am Steuer, denn das war meine Arbeit.
„Diaul, Diaul!“ heulte der Meerkönig. „Ich habe hier außen schon zwei Boote verloren. Einmal kam ich mit den Trümmern ans Land, einmal saß ich vierundzwanzig Stunden auf einer Klippe bis sie mich holten. Abermals gerettet, mein Freund, wir müssen eine Kerze stiften. Eine Zehnsou-Kerze!“