Er lachte und nahm die schmierige Kappe ab. Da kam sein bleicher Schädel zum Vorschein. War das ein Mensch? Sein Schädel war bis zur Größe eines Straußeneis eingeschrumpft. Drei dünne Haarsträhnen klebten an der Glatze. Das Gesicht war eine Käferlarve, die Nase eingesunken, das Salz hatte die Augen ringsum zerfressen, so daß sie wie Wunden aussahen.
„Glaubst du denn an solche Dinge, Jean Louis?“
Der Meerkönig lachte. „Auf dem Lande glaube ich nicht an Gott,“ sagte er, „aber auf dem Meere. Auf dem Lande kann dir die Regierung helfen, aber auf dem Meere selbst der Minister nicht!“
Das leuchtete mir ein.
„Wie lange wirst du noch mit diesem Lumpen von einem Segel fahren?“ fragte ich.
„Ein neues Segel ist teuer, bei allen Teufeln, unerschwinglich!“ antwortete Jean Louis. „Ich werde Streifen darüber nähen, quer, mein Freund, quer. Vor zehn Jahren hatte ich ein kleines Malheur mit einem Segel wie diesem da.“ Und Jean Louis erzählte dieses Malheur mit seiner heiser heulenden Stimme. Er fischte bei Stiff und sein Segel zerriß in hundert Fetzen und er trieb mit dem Strom. Da verlegte er sich aufs Rudern. Er ruderte wie ein Irrsinniger, aber als er sich nach einer Weile umblickte, war die Insel schon ganz klein. Am Abend sah er noch das Leuchtfeuer von Stiff, dann sah er nichts mehr. Er spie ins Meer und sagte: Jetzt geht es dahin mit dir, Jean Louis, hühü! Der Tag kam und er war Gott weiß wo. Es war Nebel, die Dampfer heulten. Wieder wurde es Nacht und er sah eine dunstige Lichtwindmühle die Flügel werfen. Einerlei, sagte er sich, du schläfst. Er schlief. Plötzlich hörte er Tuten und lautes Gebrüll. Er erwachte und sah ein riesiges schwarzes Gebäude mit vielen Lampen vor sich, und von da droben riefen sie ihn durch das Sprachrohr an. Er ruderte heran und stieg an Bord. Mein Boot, sakrenomdedü! — Vorwärts, die Glocken klangen, die Maschinen begannen zu arbeiten und der Dampfer marschierte. Am Morgen stand der Meerkönig inmitten einer eleganten Gesellschaft von Damen und Herren, die ihn erstaunt anlachten, den alten, weißhaarigen, kleinen Meerkönig, den man mitten in der Nacht aus dem Kanal gefischt hatte. Sie stopften ihm die Tasche voll Geld und besorgten ihm ein Billett zweiter Klasse von London nach Brest. Hühü! Da war er wieder! Gehe in die Hölle, Meerkönig, da bist du ja wieder! Sie hatten schon die Totenmesse gelesen. Ein Kreuzchen mit seinem Namen stand in der Friedhofskapelle. Und er mußte acht Franken für eine Messe bezahlen, die er nicht bestellt hatte.
„Aber ich bezahlte sie!“ schrie Jean Louis und schlug an seine Brusttasche. „Nun hab ich eine Messe voraus!“
Er, Jean Louis, hatte dem lieben Gott einen Vorschuß gewährt, haha!
Dann lenkte ich das Gespräch auf Rosseherre: „Du hast ja eine so hübsche Enkelin, Jean Louis!“ sagte ich.
„Rosseherre ist meine Pflegetochter!“ heulte Jean Louis. „Meine zwei Töchter waren böse Weibsbilder und keiner hätte sie angerührt. Sie waren Kanaillen, sie prügelten mich, wenn ich getrunken hatte, und ich mußte meine kleinen Sous in den Mauerritzen verstecken vor ihnen. Sie hätten mir die kleinen Sous aus dem Maul gestohlen. Hühü — nun sind sie tot! Sie starben an der Schwindsucht. Rosseherre, mein Freund, ist meine Pflegetochter.“