Darauf führte Yann eines seiner Lieblingskunststücke vor. Er nahm das Messer, ein stumpfes, schmutziges Instrument, mit dem er Fische schlachtete und Ratten, setzte es an den Daumen und schnitt. Das Blut quoll heraus. Yann steckte den Daumen in den Mund, massierte ihn — nichts war mehr zu sehen, hoho! Ich rückte näher. Ein Schwindler bist du, Yann! Man sah ja nicht gut, der Rauch war zu dick. Yann wiederholte triumphierend das Experiment und führte mir eindringlich alle Phasen vor. Nun grub er mit dem Messer rings um den Daumennagel einen Graben, der sich langsam mit schwarzem Blut füllte. Er leckte, preßte — verschwunden.
„Ein Teufelskerl bist du!“
Yann aber lachte mich vielsagend an: und was kannst du? Nichts.
Nein, wirklich, ich konnte nichts. Ich konnte einen Bindfaden mit meinem Bizeps sprengen, zweistimmig pfeifen, amerikanisch ausspucken, zwei vorsintflutliche Lieder und einen Triller auf der Flöte spielen — lauter minderwertige Künste.
Dann nahm Yann einen ungeheuren Schluck und warf sich in die Koje, die Zigarre im Mund. „Man hat es nicht schlecht jetzt, man hat es zu etwas gebracht!“ begann er zufrieden und verschwand in der Rauchwolke.
„Man ist Kapitän, hat seine hundertundzwanzig Franken monatlich, man hat sein Weinchen, seine Zigarre und eine Couchette zum Schlafen. Was willst du noch mehr? Man hat das Gröbste hinter sich. Ah, das Furchtbarste, weißt du, he, was das Furchtbarste ist? Lege mir zehntausend Franken auf den Tisch — nein, nie mehr! Ich habe zwei Campagnen mitgemacht. Das ist ein Leben für Hunde, für Schweine!“
„Wovon faselst du denn?“
„Idiot, du hörst wohl nicht? Ich rede von St. Pierre, beim Teufel! Fünfzigtausend Stockfische, achtzigtausend in einer Campagne. He, mein Lieber! Das Schiff ist von oben bis unten mit Salz angefüllt und die Arbeit beginnt. Fische, Fische, nichts als Fische! Du schläfst, du bist todmüde, pique! pique! auf! Die Fische sind da. Du fährst in die Hosen. (Hier fuhr Yann in die Hosen und rieb sich den schweren Schlaf aus den Augen.) hinaus in die Kälte, brrr! Du schlotterst nur so und legst die Angel aus und ziehst sie ein und schläfst dabei. (Yann legte die Angel aus, zog und schlief dabei.) Plötzlich — tsch! — ein Walfisch kommt daher und verjagt die Fische. Du legst dich aufs Ohr. Pique, pique! O, gehe in die Hölle! Da stehst du Tag und Nacht, im Nebel, im Sturm, im Schnee und fischst. Oder du schneidest die Köpfe ab, tausend Köpfe an einem Tag, zweitausend. Am Tisch ist ein langer Nagel, da hinein stößt du den Fisch und schneidest ihm eins, zwei den Kopf ab. Du reißt die Leber heraus, ins Faß, die Gedärme wirfst du ins Meer. Links und rechts vom Schiff tänzelt ein Haifisch und schnappt und frißt alles, denn der Haifisch ist nichts als ein Schwein. O, was für ein mörderischer Gestank! Die Leber riecht, die Fische stinken, das ganze Schiff stinkt von oben bis unten wie faule Fische. Mein Lieber, prost! Es ekelt dich an und du möchtest am liebsten über Bord gehen. Ich habe handfeste Burschen gesehen, die weinten vor lauter Traurigkeit.“
„Hehe! Aber lustig ist es doch! Da gibt es merkwürdige Dinge. Zum Beispiel, den Sonnenfisch! Er ist hoch wie ein Mann und flach wie ein Teller. Er hat ein Gesicht und eine Nase wie ein kleiner, gedörrter Jude, ein Judenprofil. Er fächelt mit den Flanken, so, siehst du, auf diese Weise schwimmt er. Vor seiner Judennase schwimmt ein kleiner Fisch einher, das ist sein Pilot. Denn der Sonnenfisch ist ungeheuer dumm und halb blind. Du lachst dich halb tot über ihn. Wie ein dicker Bankier, der schwach auf den Beinen ist, läßt er sich von seinem Fremdenführer alle Sehenswürdigkeiten zeigen, und dann, wenn er sich satt gefressen hat, macht er sich schwer und läßt sich hinabsinken auf den Grund des Meeres. Da liegt er im Sand, flach wie eine Zeitung, und schläft und verdaut. Dann gibt es hier die Schwertfische, die den Walfisch absolut nicht ausstehen können. Sobald so eine Dampfspritze in voller Fahrt daherkommt, schnellt sich mein Schwertfisch in die Höhe, viele Meter hoch und gräbt sein Schwert in den Wanst des Wales. Hinunter damit! Ja, beim Teufel, eine gemütliche Welt hat unser Herrgott erschaffen. Hohoho, wie konnte er nur auf all den Unsinn verfallen! Dann kannst du dich auch mit dem Hai amüsieren. Du läßt ein Tau hinab, schwupp, er schneidet es ab wie eine Zigarre. Wir haben auch dann und wann einen Hai gefangen, zum Spaß, Gott o Gott, wie sie stinken! Und hüte dich, ihm noch nach Stunden zu nahe zu kommen! Dieses Schwein ist mit Elektrizität geladen und gibt dir einen Schlag, daß dir Hören und Sehen vergeht.“
„He! Entkorke eine neue Flasche, wir müssen trinken! Das ist eine niederträchtige See heute! — Zu fressen bekommst du bei den Bänken nichts. Übel kann dir werden. Zwei Kartoffeln und grüne Erbsen, am Sonntag ein Stückchen Speck, winzig, und ein Glas Wein. Der Speck wird verlost, wie beim Pfänderspiel die Pfänder. Wem soll dieses Stück gehören? Sonst würde es Streitigkeiten geben, denn alle sind wild vor Hunger wie Wölfe. Man haßt sich auch, nach ein paar Monaten haßt man seinen besten Freund. Geh mir aus dem Weg, du Fratze! Ah, was für ein Leben! Während der ganzen Campagne wäscht sich kein Mensch mehr, wozu? Kommen schöne Mädchen an Bord? Aber vor der Heimreise geht es nach St. Pierre um Einkäufe zu machen. Alles geht an Land und alles wäscht sich. Lauter neue Gesichter! Eine neue Equipage, he? Bon jour, messieurs!“