„Viele aber reisen nicht heim, mein Freund. Es rentiert sich nicht als Leiche zu Hause anzukommen. Du mußt die Stürme nicht vergessen — und die Eisberge. Plötzlich tauchen sie vor dir auf und sie werden dich zertreten, sie sehen dich gar nicht. Und die großen Schnelldampfer bei Nebel! Da heißt es das Nebelhorn drehen — tuh — tuh! — tagelang. Man hört sie schon meilenweit. Sie brummen wie Bären, die Hunger haben. Er kommt heran, näher und näher. Du liegst in der Koje, erwachst, horchst und deine Haare sträuben sich. Alles stürzt an Deck: Patron, ein Dampfer kommt über uns! Was sollst du tun? Wenn er dich nun nicht hört? Kein Wind, wohin? Und woher kommt er? He, nun ist er ganz nahe, keine zweihundert Schritt entfernt. Du wirst ihn nun nicht mehr hören, aber sehen, wenn es sein muß. Du stehst und wartest und deine Zähne klappern vor Angst. (Bei Gott, Yanns Haare sträubten sich bei der bloßen Erinnerung!) Da — er tutet ferner — er ist vorüber! Du bist noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Jedes Jahr wird ein halbes Dutzend Boote glatt durchschnitten, das gibt einen kleinen Knax und weg ist er.“

„Kommt er nicht zurück, Yann?“

Yann lachte. „Er wird sich das überlegen. Er braucht eine Viertelstunde, bis er zurückkommen kann. Und wo bist du dann? Er findet vielleicht eine Insel gesalzener Stockfische, das ist alles. — Nun aber, sagen wir, du kehrst zurück. Der Armateur gibt dir dein Gehalt, sechshundert oder achthundert Franken, und dazu schenkt er dir zwei Stockfische. Zuerst betrinkst du dich nun und schläfst dann irgendwo hinter einem Zaun, das Geld in der verkrampften Hand. Hier ist es am sichersten. Das Geld bringst du deiner Mutter. Sie gibt dir zehn Franken, damit du dir einen vergnügten Tag machen kannst, staffiert dich aus und du promenierst im Dorf mit deinem kleinen Bambusstock und läßt dich anstaunen. Ja, da bin ich wieder! Wenn du keine Mutter hast, so gehst du gleich zu den Mädchen. Hier läßt du dich häuslich nieder, ißt, trinkst, machst dir vergnügte Stunden mit dem ganzen Haus, von der Besitzerin angefangen bis herab zum Dienstmädchen, sie nehmen dir alles ab und werfen dich auf die Straße. Da bist du wieder. Du gehst und verdingst dich und ein paar Tage später bist du wieder bei grünen Erbsen und Kartoffeln angelangt. Hehe! Aber es war hübsch. Und alle andern erzählen dir ebenfalls, wie hübsch es war. Sie singen und du singst mit und bist geborgen. Du bist wieder auf dem Meer, wo du hingehörst.“

Plötzlich schnarchte Yann. Er konnte zu jeder Zeit einschlafen und aufwachen, und es war ihm auch einerlei, in welcher Lage er schlief, ob er auf einem Stein saß oder auf dem Boden lag, das Gesicht auf den Händen.

Ich saß mit angezogenen Knien in der Koje und rauchte. Zuweilen schwindelte mir vorübergehend, es war nicht mehr hübsch. Der Dampfer rollte furchtbar. Wenn sich die Ankerketten strafften, so erschütterten ihn ungeheure ruckweise Stöße, daß alles ächzte und knarrte. Er zitterte vom Stampfen der Maschine, und wenn die Schraube frei lief, so bebten seine Flanken. Droben trillerte der Sturm in den Tauen, die Sturzseen klatschten und dann tropfte und rieselte es an der Luke. Dicht an meinem Ohr prallten die Wassermassen wie Rammklötze gegen die Wandung. Zwei Finger breit und da draußen war das Meer. Ich sah durch das Guckfenster wie es mit geschliffenen Äxten und gezackten, blanken Schwertern auf den „Arbeiter“ einhieb. Das Glas war pechschwarz, wir waren unten, ein Klumpen großer glotzender Augen hing am Glas, ein weißes, aussätziges Gesicht starrte herein, ich sah das Licht des Leuchtturms und die Gischtkämme, wir waren oben.

Poupoul leckte mir die Hand und wedelte mit dem Schwanz. Er freute sich. Er glaubte, wir seien auf hoher See und morgen werde er an Deck gehen um fliegende Fische anzubellen. Ich plauderte ein wenig mit ihm.

Da erwachte Yann. „Haha, und jetzt bist du hier, bist Kapitän,“ fuhr er in seinem Gespräch fort, „und hast eine silberne Uhr für dreißig Franken in der Tasche. — Hast du alles ausgetrunken? Vorwärts!“

Er hatte zehn Minuten versäumt und sie mußten nachgeholt werden. Im übrigen hatte er recht, man mußte trinken. Wenn man nur einen Augenblick nachgab, wurde man tödlich seekrank.

Yann holte nun aus einem Kästchen seine berühmte Zitronenessenz, die er in den Kognak träufelte. Die Mischung nannte er Punsch. Dieser Punsch war von unwiderstehlicher Wirkung und gerade das war Yanns Absicht. In der Tat genügte ein Tropfen dieses Elixiers um einen Liter Wasser in eine starke Zitronenlimonade zu verwandeln. Die Essenz stammte aus einem Schiffbruch und war meines Erachtens für die Parfüm- und Seifenfabrikation bestimmt.

Wir stürzten uns abermals in Debatten, wurden laut und hitzig, und behandelten jetzt überhaupt nur noch Gegenstände, von denen wir beide gar nichts verstanden. Aber täuschten wir uns nicht ein wenig, Yann? Sprachen wir nicht so atemlos um die Angst zu verbergen, die tief innen in unserem Herzen nagte? Hatten wir nicht, während wir redeten und sorglos taten, immerfort den einen Gedanken: wenn die Ketten reißen —? Dann begannen wir fürchterlich zu lügen. Auch darin war Yann nicht zu schlagen. Er fing sogleich an zu spurten. Nun war er auf jener Sprosse angelangt, auf der er sich gewählter, kunstvoller und gedrechselter Redewendungen bediente: das ist ganz den Umständen angemessen, das ist von keiner tieferen Bedeutung, primo, secundo. Er erzählte eine schauerliche Geschichte von der „Pacifique“, einem Dreimaster ohne Steuer, ohne Maste, Segel und Wind. Und ohne Nahrung. Sie hatten das Los geworfen und zuerst den Steuermann verzehrt, dann den Küchenjungen, dann —