„Ich muß nun doch gehen,“ sagte sie voller Angst.

Aber ich überredete sie zu bleiben. „Wir werden ein großes Feuer anzünden, Rosseherre, etwas Grog wollen wir kochen, und dann werde ich dir eine kleine Geschichte erzählen, warte nur. Du zitterst ja so, weil es kalt ist hier. Poupoul, geh aus dem Weg! Du wirst sehen, wie hübsch es hier wird!“

Ich verbrannte meine englische Zeitung und dann riß ich die Schublade meines kleinen Tisches in Stücke und warf sie ins Feuer. Auch der kleine Tisch würde wohl bald an die Reihe kommen, es ging nicht anders. Während ich den Grog braute, erzählte ich Rosseherre ein kleines lustiges Erlebnis und als ich verstohlen zu ihr hinblickte, sah ich, daß sie lächelte. Poupoul, der seine Leute kannte, saß vor ihr und klopfte mit dem Schwanz. Auch er gab sich Mühe Rosseherre auf andere Gedanken zu bringen.

„Ist es nicht schon hübscher bei uns, wie, Rosseherre?“

„Ja!“ Rosseherre nickte und sah ohne Blick vor sich hin. Sie schlürfte den heißen Grog durch ein Stückchen Zucker, das sie hinter den Zähnen hielt. Ihr Gesicht glänzte im Feuerschein, noch naß von Tränen, ihre gelben Haare flimmerten als ob die Sonne darauf schien. „Nun habe ich keine so große Angst mehr,“ sagte sie und holte tief Atem, „aber zuweilen möchte ich sterben vor Angst. Das Meer ruft mir. Gesichter erscheinen im Meer. Einmal sah ich den Bruder auf einer Klippe sitzen. Er kam mit einer Welle herauf und da saß er und sah mich an. Aber da schrie ich vor Angst und er tauchte mit der Welle hinab. Einmal, als es stürmte, ging ich abends an den Klippen entlang. Da lag ein Stein. Aber plötzlich stand der Stein auf und es war ein alter Mann mit langen grauen Haaren. Er stand ganz ruhig und sah mich an und aus seinen Augen fuhr Feuer — da lief ich davon und fürchtete mich eine ganze Woche lang. In den letzten Tagen aber hielt ich es nicht mehr aus. Nun, sagte ich, es wird das beste sein, du springst hinab, die gebenedeite Jungfrau wird dir vergeben. Ich ging nach Stiff, wo die Klippen steil abfallen. Da weinte ich und betete und bat die gebenedeite Jungfrau die große Sünde von mir zu nehmen. Aber als ich es tun wollte — was meinst du? Da saß Vater am Rande der Klippen, die Pfeife im Mund, genau so wie ich ihn immer vor mir sehe. Er sah mich nicht an, aber er saß da. Er versperrte mir den Weg.“ Merkwürdig lächelte Rosseherre, als sie das sagte.

Und ich dachte, sonderbare Dinge gehen in deinem kleinen Kopf vor, Rosseherre! Sonderbare Dinge!

Es schien Rosseherre zu erleichtern, wenn sie von Vater und Bruder sprechen konnte. Ich ließ sie gewähren. Und sie erzählte mir alles aus ihrem jungen Leben und was Jean Louis ihr von Eltern und Großeltern berichtet hatte. Die meisten waren ertrunken. Und wie merkwürdig war es doch: keinen hatte das Meer zurückgegeben, keinen einzigen. Sonderbar war der Tod ihres Großvaters. Er fuhr nach Molen. Das Meer war glatt wie Öl. Er kam nie an, kein Span seines Bootes fand sich, nichts —

„Nichts fand sich, Rosseherre?“

„Nichts!“ Und Rosseherre lächelte sonderbar und fügte geheimnisvoll hinzu: „Sie haben ihn hinabgezogen!“

Dann versank sie in Grübeleien.