Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und lauschen auf jedes Geräusch — auch auf jene Geräusche, die aus dem Unbekannten kamen.
Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige Wirt vom „Löwen von Antwerpen“ hatte es ihm empfohlen, damals, als er den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht mehr — er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein!
Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein Tier . . . obschon seine Frau leidend war — ein Tier war dieser Hähnlein.
Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte.
Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich — um sich zu beschäftigen, die Nacht war lang — „Deine Zettel, deine Reden, deine . . .“ Lange Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten — und was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war — ein Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen — und auch er lief. So schnell wie die andern — hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst hatten sie . . .
Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige, Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun — höchst einfach — Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale — höchst einfach — geputzte Narren! Und die Diplomaten — selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie — nun, er würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie — ganz das gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar?
Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? — Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger.
Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf — und sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein.
Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll —
In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und sagte: Man sollte es nicht für möglich halten —