Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.
Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden.
Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses Gesicht und dieses Lächeln!
Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner Tochter zu blicken.
Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft, schimmernd, schwärmerisch — aber, ein Nichts, und die Schwärmerei wandelte sich in Hysterie.
„Jakob!“ Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das Gesicht des Generals.
Wo war sie?
Nun wäre der geeignetste Augenblick —
Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren Klang und Sinn entstellte.
Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten, als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe. Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln der Sommerstorf lag.