Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche, leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet — sie haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.

Ich glaube — glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich unaufhörlich mehren muß — sollen nicht Verfinsterungen wie diese eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und — wie immer, wenn sie sank — kam die Katastrophe.

Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!

Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!

Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und Schönen, oder er ist ein — Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde . . .“

Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also —

In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.

Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte. Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete — es wäre ihm peinlich . . .

Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths Zimmer — wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene Buch zurück — ein Werk Lassalles — und rasch, scheu, als habe man ihn auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang.

Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.