„Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen, und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 Grad, da wurden sie still.“
„Oh, wie entsetzlich!“ Und Klaras Stimme verklang.
„Also kein Freund von Generalen?“ fragte Hedi. Hier in dem kleinen, leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler.
„Nein.“ Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. „Das kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.“
„Solange es Kriege gibt, meinst du —?“
„Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden Kriege unausbleiblich sein.“ Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche — nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.
„Ja, unbedingt!“ fuhr der Räuber eifrig fort. „Während die Welt nichts Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die nicht an ihre Kanonen glauben — und schon ist das Unglück fertig. Nun aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande —“
„Ich höre, du bist nicht Soldat?“
Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan vorüber. Der steife Beduine sagte: „— stehe also auf der Sturmleiter, die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.“
„Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein“, sagte Klara.