In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören war.
„Diese dumme Uhr!“ sagte Dora halblaut und ärgerlich.
Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der Uhr abzuwarten.
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Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v. Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht. Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch.
Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.
Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden zu erkennen — sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein.
Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten. Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.
Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken entstoben.
Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn.