„Niemand“ — krächzte hier der Havelock — „kein Einbrecher würde es wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!“
Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den Besitz dieser Wohnung setzen — er würde sie einfach für Dienstzwecke anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die verwöhntesten Damen empfangen — und in welch elendem Loch hauste er doch zurzeit!
In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde. Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine —! Im Nu, völlig automatisch, hatte er eine Flasche entkorkt.
Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm nicht bange.
„Welche Reichtümer, Herr Herbst!“ lachte Kunze, als er mit der Flasche aus der Küche zurückkam. „Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.“
Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.
„Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!“
Herr Herbst hatte den Hut abgenommen — aufgeschreckt durch das laute Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes — und sein kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.
„Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater — sagte ich Ihnen das schon? — ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen Scherz mehr, nein, ich bitte Sie — um Gottes willen, ernst, würdevoll, der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu mir: ‚Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe‘, so redete er — der kategorische Imperativ — Kant — er ist Philosoph, mein Vater — ah, ah, was für ein Weinchen!“
Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er doch — Robert.