Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. „Herzlichen Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?“

Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange, gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief, sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die Türspalte. „Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug“, flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: „Emma, Bertha.“ Klara befand sich wieder auf der Treppe.

Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen. Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen.

Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter.

Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen — aber in diesem Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh.

Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr.

Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich — und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände auf ihr zuckendes Herz gepreßt.

Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische sein Blick — ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ, schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen.

Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen, sandte immer Boten mit Briefen — Arbeit, unerwartete Vorkommnisse. Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg — und Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein.

Der Geheime Rat — nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich, ohne den Versuch eines Widerstandes.