Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern, zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel, schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel — ein während des Krieges reich gewordener Mann — hm! Aber schließlich: er besaß kein Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war auch seine Karriere so gut wie abgeschlossen — derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer, derselbe Spucknapf — bis zur Pensionierung.
Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern.
Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten, gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen —
Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort.
Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick, wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt — und ihm, ihm war es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es, bemerken sollte —? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch einmal an ihm vorüber!
Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe abfaßte — und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. — Es schien ihr gut zu gehen, hatte sie doch kürzlich sogar eine Gänsekeule in Gelee geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug . . .
Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren.
Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke eingezogen werden — mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen Balken — nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur zu deutlich —
Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie hatte sie nur einigemal gesprochen — kannte sie kaum, aber instinktiv suchte sie bei ihr Zuflucht.
Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele. „Meine Tochter ist nie zu Hause!“ sagte er — wie es Klara schien — mit Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend — diese Diele. Dunkle Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich, ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und verachtete.