Ja, wohin?

Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr Herz. Sie versuchte sie zu trösten — sagte, es sei ein Verbrechen, Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken — aber sie hatte gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs- und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken. Schließlich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen Blicken, die Klara unangenehm waren.

Sie ging.

Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht.

Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen — mein Geliebter, mein Held! — für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe.

Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben.

Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig die Blätter in Stücke — was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert — es war ja nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin — still, ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie schon tot. Man trug sie hinaus.

Tot? Ja, vielleicht war es das beste?

Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen. Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger Schimmel stand mitten auf dem Trottoir.

Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig fremden Gegend. Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern. Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit. Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt.