Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische Bericht genannt hatte.
Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch 1914?
Schon wurde das strategische Bild klarer — kristallklar. Der General beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er sich. Ja! Ohne Vorbehalt.
Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen, Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft, die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte.
Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts — ja, schon erblickte er in der rechten Flanke das Meer — den Kanal, in der linken Flanke aber wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.
Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt, furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris — und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier? Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche stiegen aus der Flut empor.
Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive . . .
Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb, machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren, sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg. Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes — welch ein Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner, edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.
Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben Helligkeit, Klarheit und Ziel!
Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre Verwandtschaft — nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit, Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn — nein, fort fort.