Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller Qual — immer hin und her, die ganze Nacht. —

Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.

Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in Europa, die alles vertragen könnten — und so tanzte sie Tango mit Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun, wer weiß —?

Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien, eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte — herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte?

4

Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.

Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht mehr, er ging langsam — und der General? Es war gar nicht der General, es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber — ah, nun hatte er es gefunden.

Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer, funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah er sich um? Nach Hilfe?

Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. (Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe hinauf.

Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder, lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange stand er ohne jede Bewegung.