Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.
Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.
Ja, ein verfluchtes Haus.
Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der rauschenden Finsternis.
Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:
„Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!“
„Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!“
Und wieder brauste die Orgel.
Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:
„Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!“