Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.
Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens — sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den Blick abwandte.
Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen.
Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen — und schon war er alt! Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der altmodischen hohen Mütze.
Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch. Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal einen Jagdanzug auf dem Lande.
Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann, dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt hatte er alle Ränge durchlaufen — aber es schien ihm, als sei er eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland — sie hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General.
Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie jung, und schon wurde er alt!
Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu müssen — jugendlich trotz der angegrauten Schläfen.
Ja, ja, ja — keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn — ein Ehrloser! Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv, worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu glauben. Offizier — ein Hecht-Babenberg — und doch! Ja, nun wußte er alles . . .
Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück.