Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!

Die Marspfeife schrillt — vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift — halt!

Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden zu — rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht ein Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt — aber welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt — und mit zwei Dutzend Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften — junge Burschen, kaum den Knabenjahren entwachsen — ja, obschon er die Gerüchte nicht eben tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses Jägerbataillons beruhigt.

An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation strengstens verboten.

Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.

Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine tiefe Verbeugung drückte — soweit die Stellung des Untergebenen es zuließ — die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.

„Exzellenz!“ schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.

Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr — wie früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas langsamer.

Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden — aber der General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: „Vortrag. Kein Zutritt. Anmeldung Zimmer 6.“

Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen, stehenzubleiben, seine Knie zitterten — solche Anstrengung hatten ihm die paar Treppen und Korridore bereitet.