Ruth sagte „Guten Abend“ und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen, fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig, eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah. Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen.
Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte er ganz genau.
„Na, da haben sie wieder mal —“ murmelte der General.
„Wie Papa?“
Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.
„Jakob? — Es zieht.“
Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform auch zu Hause bedient zu werden — es ist wie im Felde. Er haßt weibliche Dienstboten.
Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee — und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine Tochter, fern, klein — zuweilen scheint es dem General, als ob die Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung. Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß er überarbeitet ist.
„Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.“
Jakob wechselte die Teller, geräuschlos.