Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei Tisch fehlte.

„Otto ist eingeladen, Papa.“

„Am letzten Abend —?“ Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte den Blick, ihre Lider zitterten — aber schon war der Blick des Generals wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem Blick seiner Tochter zu begegnen — es hatte seinen Grund, seine Gründe, über die er niemand Aufklärung schuldig war.

„Viel Arbeit in der Küche?“

„Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.“

„Sapperlot!“ Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief, ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb, das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe.

Am Tage aber — Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar!

„Gute Nacht, Papa!“ Weich und fein klang Ruths Stimme.

„Gute Nacht.“

Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln. Plötzlich sagte der General im Befehlston: „Wenn mein Sohn nach Hause kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!“