„Jawohl, Herr General!“ Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht. Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, wenn er nicht wach werden sollte.

Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme „Guten Abend“ und schlüpfte in ihr Zimmer.

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Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer etwas in Unordnung und — sowohl am Tage wie am Abend — in Dämmerung gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils, zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.)

Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen, hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame: Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt, einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen ihn nicht aus den Augen und lächelten.

Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen, unendlich zart und unendlich warm — die sie geküßt hatten, als sie ein kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: „Grüße die Dame, es ist Mama.“ Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue, unbekannte Dame sprach.

Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar: dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander zu.

Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte:

Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,

die liebt ich einst alle in Liebeswonne.